Kolumne: Doors Open #5 – By Pete Bouncer (18.04.2016)

On the Road

Jeder Wrestlingfan, der schon einmal eine Autobiografie gelesen (empfehlen kann ich mehr als jede andere „Have A Nice Day“ von Mick Foley) oder eine Dokumentation über die Karriere eines Wrestlers gesehen hat, ist bestens mit dem Begriff „Road Story“ vertraut. Ich persönlich glaube, gerade wenn die Shows, bei denen man gebucht ist, noch leer und die Gagen noch klein sind, entstehen die besten Geschichten.

Zunächst einmal kann ich mittlerweile nicht mehr zählen, wie viele starke Männer an meiner Schulter auf der Rückfahrt von einer Tour Geborgenheit und tiefen, friedlichen Schlaf gefunden haben, gesteigerte Speichelproduktion inklusive. Zumindest war das aber sehr viel humaner als die „Willkommensrituale“ für Wrestler auf ihrer allerersten Tour. Vom harmlosen „Rookiekuscheln“, bei dem der Neuling in der Mitte liegt und quasi als Sitzkissen für alle Anwesenden dient, zum Gipfel dessen, was ich als „liebevollen Sadismus“ bezeichne.

Man stelle sich vor, man betrete ein Hotelzimmer und erlebe folgenden Anblick: ein Raum mit zwei Betten; in dem einen schläft der Erfahrene. Das andere ist unberührt. Auf dem Stuhl in der Ecke des Raumes versucht der Rookie im Sitzen zu schlafen, was dadurch erschwert wird, dass sämtliche Gepäckstücke aller Reisenden auf ihm gestapelt sind, von Handgepäck über Jacken bis hin zu sperrigen Rollkoffern alles dabei. War mit Sicherheit ’ne beschissene Nacht aber „hey… ’ne verdammt gute Geschichte“ für die nächsten 20 Jahre! Das nimmt dir keiner mehr! Mein persönliches Highlight erlebte ich nach einer Show in Dresden, bei der Aftershowparty in einer Cocktail- und Tanzbar, deren Namen „Der Lude“ ich aus Gründen der Diskretion verschweige. Damals hatte Axel sein letztes Match in seiner Heimatstadt, bevor er zu World Wrestling Entertainment ging und Alexander Wolfe wurde.

Da kam ihm der Junggesellinnenabschied, der etwa eine Stunde nach uns den Laden betrat, gerade recht. Ich stehe also an der Theke um mir meine gefühlt sechste Diät-Cola zu bestellen, da sehe ich im Spiegel hinter dem Barkeeper, wie in der anderen Ecke der Bar Axel sich mit einem der Mädels aus besagter Runde auf eins der Sofas stellt, ihr über die dröhnende Musik hinweg etwas ins Ohr schreit und dabei quer durch den Raum in meine Richtung zeigt. Die Folge ist, dass sich die Mädels tuschelnd im Kreis sammeln und in ihrem mitgebrachten Feinstrumpf voller Geldscheine wühlen. Axel hingegen kommt mit dem wohl bösartigsten Grinsen, das ich jemals in seinem Gesicht sah, auf mich zugeschwebt und teilt mir mit, er habe mich als Peter den Großen vorgestellt und der Junggesellin soeben den besten Stripper Dresdens verkauft.

Die Tatsache, dass ich daraufhin die Flucht ergreifen will, gefällt den übrigen Jungs so gar nicht, denn als sie den prall gefüllten Feinstrumpf erblicken, scheint ihnen selbstverständlich, dass der Inhalt im Falle eines „Geschäftsabschlusses“ durch die Anzahl der Catcher geht. Wie ich den Laden heil verlassen habe, weiß ich nicht mehr. Fakt ist: Jede einzelne Tour bereichert mit so unglaublich vielen großen und kleinen Geschichten, dass ich mir um den Inhalt meiner Autobiografie, sollte ich jemals eine schreiben, keine Sorgen machen muss.

Pete Bouncer

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