Kolumne: It’s Entertainment #3: Kampf im Wiener Untergrund (06.01.2021)

Am Sonntag, den 8. September 2019, kämpfte ich zum ersten Mal für die international veranstaltende Promotion „World Underground Wrestling“. In Mitteleuropa zeichnen sich deren Veranstaltungen durch ein einzigartiges Show-Konzept und durch viele eigene Top-Talente aus!

Als ich am Samstag, den 7. September 2019, in Berlin, im Ring der German Wrestling Federation (GWF), vor gut gefüllter Halle auftrat, da hatte ich es eilig. Meine Aufgabe war es bei einer Battle Royal, einen Massenkampf, einen unserer neuen Wrestling-Kämpfer dem Publikum näher zu bringen. Nach einem kurzen Spot – so nennen wir die Aktionen bei der wir im Rampenlicht stehen – schied ich zügig aus dem Kampfgeschehen aus. Gewöhnlich trage ich bei meinen Kämpfen eine relativ aufwendige Gesichtsbemalung. Dieses Mal hatte ich darauf verzichtet. Sofort nach dem Kampf zog ich mich in Windeseile um, klärte noch ein zwei Einzelheiten mit dem Promoter, und setzte mich mit gepackter Reisetasche in die Bahn zu einem großen Berliner Busbahnhof.

Das Reisen als Pro Wrestler in Europa
Ich hatte richtig kalkuliert. Es war gegen 22 Uhr, und der Kampf, an dem ich teilgenommen hatte, war höchstwahrscheinlich noch im vollen Gange. Mein Fernbus war schon vor Ort – ich stieg ein und hatte nun eine etwa 9-stündige Fahrt nach Wien, Österreich, vor mir. Ich war glücklich bei der Berliner Veranstaltung nicht meine Gesichtsbemalung getragen zu haben, denn so hätte ich wegen dem „Abschminken“ garantiert meinen Bus verpasst – oder hätte noch im Bus damit zu kämpfen gehabt mich zu reinigen.

Ganz sicher hätte ich auch fliegen können. Allerdings hätte ich dann dem Promoter unnötig Kosten verursacht. In Mitteleuropa ist es so, dass die meisten Pro Wrestler selbst keine neuen zahlenden Zuschauer in die Veranstaltungen bringen, sondern nur als Teil des gesamten Wrestling-Paketes für den zahlenden Zuschauer und somit auch für den professionellen Promoter attraktiv sind. Vorteile für mich buchende Promoter sind zusätlich meine Loyalität und dass ich selbstständig auch die Veranstaltungen und Wrestling-Verbände bewerbe, für die ich auftrete.

Da ich auch promoterseits gearbeitet habe, u.a. für knapp vier Jahre in Vollzeit im Berliner Produktionsbüro der Chaer-Brüder, weiß ich auf welche Vorteile Promoter achten, wenn sie Wrestling-Shows mit Wrestlern besetzen wollen. Zusätzlich kenne ich natürlich auch viele Probleme, die so manche Talente verursachen, und viele Tricks, mit denen sich Pro Wrestler auf Kosten der Promoter ihre Gage aufpeppen wollen. U.a. buchen manche Pro Wrestler Reisemöglichkeiten, und legen dann dem Promoter die Abrechnungen vor, ehe sie die Reiseverbindungen kostengünstiger umbuchen – oder alternativ mit Rabatten preiswerter gestalten. Wenn beispielsweise ein Promoter 2018/2019 für eine einzelne innerdeutsche Busfahrt mehr als 14 Euro oder für eine einzelne internationale Busfahrt mehr als 20 Euro bezahlt hat, dann sind die Chancen gut, dass er sich über den Tisch ziehen lassen hat. Als Pro Wrestler kann man sich so auch mal schnell seine Gage verdoppeln. Darum habe ich promoterseits gelernt, erst einmal selbst nach der besten Reiseverbindung und den günstigsten Reiseverbindungen zu schauen. Sicher buchen auch darum viele Promoter lieber Wrestler im Paket, machen „ein Auto voll“, buchen mehrere Wrestler aus der gleichen Region.

Lange im Fernbus zu reisen, oder generell lange zu reisen, ist für mich keine grosse Herausforderung! In meinen 10 Jahren Tourleben habe ich einige anstrengende und auch krasse Reisen bewältigt. Am längsten war ich im Zug von Moskau bis an die Grenze der Mongolei unterwegs, fuhr dort in einem Schlafabteil mit drei wildfremden Menschen, deren Sprache ich nicht verstand, knapp vier Tage und Nächte in der sogenannten Transsibirischen Eisenbahn. Die 9 Stunden Busfahrt war daneben nur eine „halbe Arschbacke“. Ich habe die Augen zu gemacht, und als ich aufwachte, da war ich auch schon fast da. Für solche Fahrten im Fernbus habe ich mir ein paar Kniffe angewöhnt. Beispielsweise versuche ich während der Fahrt nicht zu essen und zu trinken, weil ich dort ungerne die Toilette benutze – oder einfach nicht in die Toilettenkabine reinpasse – und ich versuche mir die Fahrt so zu legen, dass ich halbwegs schlafen kann. Nachtfahrten mag ich darum sehr gerne.

Nach etwa 9 Stunden kam ich auf einen grossen Wiener Fernbus-Bahnhof an, organisierte mir erstmal eine Tageskarte für den lokalen Nahverkehr – und fuhr dann zu eine Art Hauptbahnhof mit guter Infrastruktur. D.h. wenn ich vorher nach so einem Ort recherchiere, dann muss der diverse Eigenschaften haben: Er muss vom Anreisepunkt, ggf. meiner dortigen Unterkunft und dem Veranstaltungsort gut und schnell erreichbar sein, einen lang geöffneten Supermarkt vor Ort haben – am besten einer, der 24/7 geöffnet ist, er muss die Möglichkeit bieten zu duschen, auf die Toilette gehen zu können, und seine Handy aufladen zu können. Auch ist es gut, wenn man dort sein Gepäck günstig zur Verwahrung geben kann. Also fuhr ich, als ich in Wien ankam, zu einen solchen Punkt mit guter Infrastruktur. Ein weiterer Vorteil war, dass dort in der Nähe auch ein international vertretendes Fitnesscenter lag, bei dem ich Mitglied bin. So konnte ich mich erst einmal etwas frisch machen, meine Kleidung wechseln, etwas essen und dann noch trainieren gehen.

Für internationale Reisen, um sich schnell eine Unterkunft zu buchen, ein Auto zu mieten, um in fremder Währung Geld vom Automaten abzuheben, lohnt es sich für Wrestler auch immer eine Kreditkarte mitzuführen. Ich nutze dafür beispielsweise den Anbieter „revolut“.

Der Weberknecht – Angekommen im Untergrund
Gegen Mittag traf ich dann auf einen der beiden Promoter der österreichischen Sektion von World Underground Wrestling (WUW), Humungus: Ein riesiger mit Tattoos übersäter Kerl, der dieses typische Augenzwinkern eines Pro Wrestlers mit langer Kampf-Erfahrung drauf hat. Wir stellten uns einander erst einmal gegenseitig vor – obwohl das eigentlich unnötig ist! Denn jeder professionelle Promoter recherchiert sehr gut über einen Wrestler, bevor er ihn sich ins Haus holt. Und ebenso recherchiert ein Pro Wrestler sehr gut, auf wen er dort alles trifft und treffen kann, wenn er irgendwo gebucht wird. Das kann sogar soweit gehen, dass man sich wie ein Geheimdienstmitarbeiter Ordner anlegt, mit Details über sein Gegenüber. Ich habe mir ein ähnliches Vorgehen zu Beginn meiner Karriere von Bill Apter abgeschaut, der wirklich jede Person im Umfeld der Veranstaltung zu kennen schien, bei der Wir beide auftraten.

Und World Underground Wrestling hat in Europa wirklich sehr gute Talente. Angefangen bei den weiblichen Wrestler (Thekla, Zelina Power, Valerie und Chabela), über die Männer (Otto Kringer, Mirko Panic, Martin Pain und Joe Bravo), bis hin zu den diversen Referees, die einen ganz besonderen Charme versprühen. Im modernen Pro Wrestling hat man ja oft diese ganz jungen Referees, die kaum Authorität ausstrahlen und manchmal auch grösser und trainierte als die kämpfenden Akteure sind. Die Wiener Referees waren aber so nicht. Es handelte sich um leicht gesetzte Herren, die eine starke Authorität vermittelten.

Die Location „Weberknecht“ selbst ist auf der Eingangsebene eine Bar mit Disko- und Unterhaltungsbereich. Sehr rockig! Zum Veranstaltungs- und Kampfbereich ging es dann mindestens zwei Treppen runter. Im dunklen Kneipenkelle sah ich einen grossen Veranstaltungsraum, mit einer frontalen Bühne. Das heisst, es gab keinen Ring – und die Zuschauer würden den Kampf wie bei einem klassischen Theaterstück betrachten. Mit ein paar Handgriffen waren Bänke für bis zu 200 Zuschauer aufgebaut. Auch das „Petting“ (so nennen Wir leichte Abpolsterungen und Abdeckungen von Holz- oder Metalloberflächen auf der Kampffläche) war schnell auf der Bühne ausgelegt. Ja, es gab keinen Ring, wie es bei modernen Wrestling-Kämpfen der Fall ist. Aber es gab dafür einen einzigartigen Eindruck, man konnte Wrestling wieder traditionell sehen: So wie Wrestling in der Zeit von 1870 bis vielleicht 1920 einmal war. Dafür aber gemischt mit Puroresu-Einflüssen und einer Toots-Mondt-artigen Geschichtenerzählung. Eine zweite Besonderheit des Untergrund-Wrestling war, dass Matches nur durch Aufgabe, Knockout, Disqualifikation und Matchflucht beendet werden konnten. Pinfalls wurden nicht gezählt.

Ich wurde gebucht, um gegen den damaligen österreichischen Meister Mirko Panic, den alle nur „Yugo“ nennen und der vor Ort ein Publikumsmagnet ist, zu kämpfen. Ich hatte mir zuvor schon einige Kämpfe von „Yugo“ angesehen – auch im Weberknecht. Ich untertreibe, wenn ich sage, dass dieser Kampf sehr hart war! Bei der Bühne handelte es sich um KEINEN abgefederten Untergrund. Wir wurden auf Holz, Metall und Beton geworfen und geschleudert. Und nicht nur das, Mirko Panic schenkte mir absolut nichts. Wir prügelten Uns bis ins Publikum, was zu dieser Zeit geschätzt auf 280 Zuschauer angewachsen war. Normalerweise zähle ich das Publikum, aber es war im Wiener Untergrund so voll, dass mir das vor meinen Kampf nicht mehr gelungen war.

Ich erinnere mich, das Panic mir so eine Tracht Prügel gab, dass ich von seinen Schlägen wegzuckte und es besser gewesen wäre zu fliehen. Aber da gab es wegen dem grossen Andrang der Zuschauer kaum eine Möglichkeit. Ich gab ihm ordentlich zurück, aber schliesslich reichte es an diesem Tag nicht, dass ich ihm den österreichischen Meisterschaftstitel abnehmen konnte.

Am Ende des Tages
Pro Wrestling kann manchmal sehr verrückt sein. Was klein erscheint, kann manchmal gross sein – und umgekehrt. Was auf dem ersten Blick merkwürdig oder unprofessionell wirkt, kann hochprofesionell sein – und genau das Darstellen was ein Geschäft wie das Pro Wrestling ist!

Klar, wirkte es erst einmal seltsam, dass da eine Promotion ohne modernen Ring veranstaltet. Und auch das Wrestling in einer Bar bzw. Diskothek mag für manche Leute anrüchig klingen. Aber letztendlich waren alle dortigen Akteure professionell ausgebildet und beherrschten die Grundlagen des Wrestlings, sodass man sicher mit ihnen arbeiten konnte! Auf der anderen Seite zogen sie mit ihren Veranstaltungen im Weberknecht fast jeden Monat 200 bis 300 zahlende Zuschauer. Mit Blick auf Europa sind das gute Zahlen.

Aber am Ende des Tages ist es für den Pro Wrestler und dem Promoter auch immer ein Geschäft. Wir wollen, wenn Wir Wrestling professionell betreiben, Unsere Familien versorgen. Und definitiv ist dort jeder Akteur mit einer sehr guten Gage nach hause gegangen und die beiden Promoter haben dabei verdient! Und World Underground Wrestling hatten über Monate hinweg gezeigt, dass sie langsam und kontinuierlich ihre Zuschauerzahlen steigerten. World Underground Wrestling ist auf jeden Fall einen Besuch wert! Es lohnt sich für die wrestling-begeisterten Zuschauer dort!

Da ein Teil meiner Familie nahe Wien wohnte, war ich nach der Show noch mit meinen Familienmitgliedern essen. Und anschliessend ging es wieder 9 Stunden zurück nach Berlin. Gegen Mittag konnte ich mich in Berlin endlich ins Bett legen. Nach etwa 6 Stunden klingelte mein Wecker. Und ich machte mich fertig für mein Wrestling-Training in der Berliner Wrestling-Schule der German Wrestling Federation am selben Abend.

So long… Slinky 🙂

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WrestlingFever Gründer & Redakteur - Seit 2003

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