Kolumne: It’s Entertainment #7: Datenschutz und berufliche Fallstricke im Pro Wrestling (26.05.2021)

It’s Entertainment – #7 – Datenschutz und berufliche Fallstricke im Pro Wrestling

Pro Wrestler sind, insofern sie nicht im Hobby-Bereich agieren, Personen des Öffentlichen Lebens. D.h. sie müssen mehr Kritik auch unterhalb der Gürtellinie aushalten und sollten damit rechnen, dass auch Verhalten im privaten Rahmen in der Öffentlichkeit auf lebhaftes Interesse stoßen. Trotzdem können auch Pro Wrestler auf den Schutz ihrer Privatsphäre und ihrer Daten vertrauen. Allerdings gibt es auch einige Fettnäpfchen in die Pro Wrestler treten können und auch einige berufliche Gegebenheiten, die ich gerne hier erläutere.

Als ich Anfang Oktober 2009 zum ersten Mal eine professionelle Wrestling-Trainingseinheit absolvierte, war ich überrascht, dass auch ein Teil des Trainings daraus bestand über professionelles Verhalten aufzuklären. Schon nach wenigen Wochen wurde mir bewusst warum. Damals noch bei Myspace postete ich öffentlich erste Bilder von mir in einer Wrestling-Pose, mit Facepaint bemalt, wie ich mir eben ganz unbedarft die Präsentation eines Pro Wrestlers vorstellte. Ich merkte aber sehr schnell, dass man sich als Pro Wrestler eher nicht unbedarft und naiv – ohne ein starkes Konzept in der Öffentlichkeit präsentieren sollte. Das Denken vieler professionellen Aktiven zu der Zeit war, dass ein neuer Aktiver den „alten Hasen“ einen Platz im Geschäft wegnehmen könnte. Und so war es schon in den 1980ern und 1990ern, wo versucht wurde mit Körperlichkeit und gemeinen Streichen die neue „Konkurrenz“ zu vergraulen. Beispielsweise wurde versucht Rookies beim Training der Arm zu brechen. Die Ausläufer dieser Zeit habe ich auch mitbekommen, aber viel gravierender war das Abschrecken über die neuen Medien. So erhielt ich beispielsweise Ende 2009 über Wochen hinweg von anonymen Accounts Videos von grausamen Unfällen, wo die dort gefilmten Personen u.a. sich das Kreuz oder Arme brachen, oder auf den Kopf fielen und sich so schrecklich verletzten. Und dadurch tat sich ganz bestimmt auch in meinen Kopf etwas: Ich hinterfragte, ob ich mich nicht auch im Wrestling schwer verletzen könnte, ob das Pro Wrestling wirklich das Richtige für mich war. Zum Glück fiel ich dann im Training mal auf den Kopf, wodurch ich diese Videos kurzzeitig vergas – und machte dann einfach weiter…

Eine weitere Sache die mir auffiel, war, dass plötzlich versucht wurde meine Homepage zu hacken. Ich hatte mir in diesem Zeitraum eine sehr professionelle Homepage (pro-wrestling.biz) zugelegt und mich auch dort als Wrestling-Rookie präsentiert. Was die Angreifer nicht ahnten war, dass ich über Logs nachvollziehen konnte, von welcher Website aus sie auf meine Website wechselten, und dass ich überhaupt die Cyber-Angriffe wahrnehmen konnte. Man muss dazu anmerken, dass ich zur damaligen Zeit absolut kein Netzwerk von Fans hatte, sondern eher andere Aktive von meinen Wrestling-Ambitionen wussten. Im Zusammenhang sei erwähnt, dass Wir Pro Wrestler es zumeist nicht mögen, wenn sich Personen oder Wrestling-Trainees als Pro Wrestler präsentieren, wenn sie nicht oder noch nicht wie welche aussehen oder sich wie solche verhalten. Wenn ein untrainierter und magerer 70-Kilo-Bleistifthals in Alltagsklamotten sich großspurig als „Pro Wrestler“ oder „Profi“ betitelt, dann ist das eher keine gute Präsentation für das Geschäft an sich! Allerdings ist es auch nicht gutzuheißen, dass dann Personen versuchen andere Personen zu hacken bzw. sich illegal Zugang zu ihren Accounts zu verschaffen.

Keine Munition liefern

Es ist sicher keine gute Idee für die eigene Karriere sich als Pro Wrestler öffentlich oder gegenüber Kollegen zu ernstgemeinter eigener sexueller Präferenz oder politscher Meinung zu äußern. Oder auch eigenes Fehlverhalten zu thematisieren. Ich war beispielsweise mit einem Wrestling-Trainee unterwegs, bei dem mir auffiel, dass er sich für die NPD und in rechts-extremistischen Kreisen engagierte, und dies zudem öffentlich nachvollziehbar teilte. Obwohl ich dieses politische Agieren absolut nicht mag, nahm ich diesen Trainee beiseite und erklärte ihn unter vier Augen, dass das für seine Karriere nicht förderlich sei – und gab ihn Tipps, wie er auch weiterhin ein politisches Leben führen könne, ohne dass er seine eigene Zukunft im Wrestling-Geschäft verbaut. Und mir kann man da vertrauen. Nie hat irgendwer erfahren, dass dieser Pro Wrestler irgendwas gemacht hat, was viele Menschen politisch ablehnen und was menschlich vielleicht nicht ok ist. Ansonsten war ich auch sehr indirekt verschwiegen, was aber eher damit zu tun hatte, dass ich an einen organisatorischen Knotenpunkt im Wrestling-Geschäft zu tun hatte, aber dann auch wirklich mit Arbeit überhäuft war. Ich arbeitete beispielsweise über Jahre hinweg im Wrestling-Produktions-Büro der Chaer-Brüder. Und selbst wenn da irgendwer sein Fehlverhalten thematisiert hätte, in den meisten Fällen war ich zu sehr mit der Produktion von Wrestling-Events beschäftigt, als mich damit irgendwelcher Dreckwäsche zu beschäftigen. Ich habe in meinem Arbeitseifer einfach kaum Thematisierung von Fehlverhalten wahrgenommen.

Ganz sicher sollte man seiner Konkurrenz trotzdem keine Munition gegen die eigene Karriere liefern. Beispielsweise gab es mal einen bisexuellen Wrestling-Kollegen, der auf sogenannte „Schwanz-Frauen“ stand. Das sind transsexuelle Menschen, die ein männliches Primärgeschlecht und ansonsten von außen körperlich als Frau gelesen werden. Und das erzählte mir dieser Kollege unter vier Augen. Ich liebe ja Bantertalk, aber ich meinte damals auch, dass das eigentlich „zu viel Information“ ist. „Deine Sexualität geht mich nichts an, und Konkurrenten können Dich mit dieser Information in einer Schmierkampagne attackieren.“ Und so kam es dann auch. Dieser Kollege war dann wohl auf einer Wrestling-Tour mit anderen Kollegen im Auto unterwegs, und berichtete dann seinen „Kollegen“ von dieser sexuellen Vorliebe. Und mit der Zeit gab er dann immer mehr privater Daten preis, beispielsweise wo im Internet er solche Personen kennenlernt. Das Ende vom Lied war, dass einer der Zuhörer sich in einem Forum, wo dieser Wrestler seine Dates suchte, sich als geeignetes Pendent ausgab, weitere private Details erhielt und diese mit anderen Kollegen teilte. Also ich selbst möchte nicht, dass Nacktfotos von mir rumgereicht werden. Darum verschicke ich solche Fotos von mir generell nicht. Und auch vermeide ich es Fotos von meinen Händen zu veröffentlichen. Wie merkwürdig eigentlich – Aber es wurde mehr als einmal versucht mit Bildbearbeitungsprogrammen primäre männliche Geschlechtsorgane in Handbilder einzufügen und diese als echt zu verkaufen. Und besonders der Bereich der Hände ist grafisch relativ schwer gut zu manipulieren. Und da ist es für einen Angreifer ideal, für seine Schmierkampagne, wenn er viele Vorlagen von Deiner Hand aus verschiedenen Perspektiven hat. Also, wenn Du Dich das nächste Mal mit einer Bratwurst in der Hand fotografierst, dann verdecke dabei lieber Deine Hand!

Ihr könnt davon ausgehen, dass sich solche Täter in Zuge von LGBT- und Gleichberechtigungsbewegung im Wrestling-Geschäft, oder auch im Licht von antisexistischen Kampagnen wie die Speaking-Out-Kampagne auch gerne mit dem Wind drehen – oder sich gar als sehr liberal und offen präsentieren. Mir selbst ist das relativ egal, denn weder bin ich Moralapostel, noch wüsste ich nicht, dass man jetzt nicht mehr mit stinkendem Geld bezahlen kann. Wenn jemanden krasses Unrecht geschehen ist, dann sollte diese Person den Weg zur Polizei oder zum Anwalt gehen! Vieles andere, beispielsweise auch das öffentliche Anschwärzen von Personen, ist selbst nicht besser wie das Täterverhalten – und in einigen Fällen ist das Geschehene aus dem eigentlichen Kontext heraus nicht verwerflich oder kriminell.

Ganz sicher darf auch jeder Pro Wrestler eine eigene politische und sexuelle Identität haben, diese auch ausleben und auch öffentlich präsentieren. Es ist ja geradezu pervers, wie Kampagne wie die Speaking-Out-Kampagne dazu führen, dass sich Pro Wrestler das nicht mehr trauen. Aber jeder Pro Wrestler sollte sich dabei immer bewusst sein, dass er damit auch eine große Angriffsfläche gegen sich, der Promotion für die er antritt und auch gegen das Wrestling-Geschäft an sich bietet.

Rolle oder keine Rolle

Besonders im Wrestling und im Unterhaltungsbereich kann man oft nicht unterschieden, was eine Rolle ist oder was die echte Person hinter einer Rolle ist. (Manchmal verschwimmt das auch.) Von Pro Wrestlern, Comedians und Schauspielern ist das einerseits gewollt, z.B. um eine Emotion, eine Geschichte oder ein Medienprodukt besser zu verkaufen. Anderseits kann das auch der Fluch für einen Darsteller sein. Es geht hier auch nicht um richtig oder falsch, wirklich oder unecht. Wenn die Öffentliche Meinung den Darsteller einholt, dann kann das zu Konsequenzen führen. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Promoter oder Produzenten selbst nicht wissen was echt oder gestellt ist – und auch sehr von der Öffentlichen Meinung, und dadurch entstehenden Einbrüchen von Einnahmen, überrumpelt werden können. Hinzu kommt – besonders im Pro Wrestling – der oftmals vorhandene Ehrenkodex nicht zu verraten was den nun echt und was denn gescripted ist. Und sehr oft kann man danach auch sehr viel vom Pferd erzählen, und beispielsweise einen gescripteten Inhalt nicht mehr als gescriptet belegen.

Ich selbst denke, dass es jedem selbst überlassen ist, wie weit er geht! Wir leben in einer Welt wo es öffentlich bekannt ist, dass RealityTV zu einhundert Prozent gescriptet ist – und trotzdem glaubt ein großer Teil der Bevölkerung daran, dass Handlungen im RealityTV „echt“ sind. Es ist öffentlich bekannt, dass Dokutainment nicht unbedingt faktenbasierte Unterhaltung ist. Und trotzdem gibt es viele Menschen in der Bevölkerung, die daran glauben, dass Dokutainment die Realität widerspiegelt. Es ist öffentlich bekannt, dass es Militainment gibt, und unsere Meinung damit beeinflusst werden soll. Und ein großer Teil der Bevölkerung lässt sich durch Militainment in der eigenen Meinung beeinflussen.

Für Pro Wrestler sollte es wichtig sein, dass sie wissen was die Öffentliche Meinung ist. Dass diese ihnen auch entgegenwirken kann, und dass die Öffentliche Meinung korrekt aber auch absoluter Bullshit sein kann. Für Pro Wrestler ist auch ein Bewusstwerden wichtig, mit wem sie sozialisieren, wo sie Angriffsfläche bieten und wer ggf. auch durch das Spielen einer Rolle mit in diese Rollenrealität reingezogen werden kann.

Angriffe auf Promotions

Auch Firmen und Vereine, die im Wrestling-Bereich tätig sind, haben mit Angriffen zu rechnen. Auch hier gibt es eine harte Konkurrenz – Denn wenn man gut promotet, dann lässt sich auch eine Menge Geld verdienen! Für Promotions, aber auch für einzelne Mitarbeiter dieser Firmen und Vereine, ist es wichtig u.a. die eigene Computer-Hardware nie für Dritte zugänglich zu machen und auch die eigenen Mitarbeiter und Kollegen vor der Benutzung dieser Hardware zu screenen. Mir sind tatsächlich zwei Fälle aus Wrestling-Deutschland bekannt, wo Personen Remote-Control-Software bzw. Trojaner-Programme auf Computer der Konkurrenz ohne deren Wissen geschleust haben. Mit Computer sind heutzutage nicht nur Tower-PCs, sondern auch Laptops und Smartphones gemeint.

Wrestling.Promotions haben aber vor allem damit zu kämpfen, dass Konkurrenten und/oder deren Anhänger andere üble Tricks anwenden. Beispielsweise werden Werbemittel entfernt oder beschädigt oder mit anonymen Anzeigen bei Polizei und Ordnungsamt wird dafür gesorgt, dass die Arbeit der Promoter erschwert wird. Ein krasses Thema in meiner Zeit in der Produktion der German Wrestling Federation war, dass ganze Reihen von Sitzplätzen online gekauft wurden, und diese dann wieder storniert wurden – u.a., weil sich herausstellte, dass diese mit gestohlenen Kreditkarteninformationen bezahlt wurden.

Aber auch die Diskreditierung von Promotions und aktiven Wrestlern, beispielsweise über Bewertungsportalen oder in Forendiskussionen ist ein echtes Problem. Hier kann man zwar in manchen Fällen einigermaßen gut detektieren aus welcher Richtung sowas kommt, aber letztendlich schaden viele negative Kommentare und schlechte Bewertungen über die Zeit ganz enorm den eigenen Ruf. Für Promotions – aber auch für einzelne Pro Wrestler – ist es darum existenziell sich mit solchen Aktivitäten genau auseinanderzusetzen und dem auch Tag für Tag zu entgegnen!

Im Unterhaltungsbereich gilt, wie in nahezu allen anderen Branchen auch, dass es sehr wichtig ist, besser informiert als sein Gegenüber zu sein. Wer geschäftlich tätig ist, für den ist es besser zu wissen, dass es viele Konkurrenten unerheblich ist, wie sie an ihre Informationen kommen. Und wenn man keine Informationshoheit hat, gibt es jede Menge schmutziger Tricks sie zu erlangen oder den Konkurrenten zu schaden!

By Slinky

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