Kolumne: NearFall #1 – Ein gefährliches Wrestlingwochenende in Kalifornien (01.01.2018)

Markus Weiß hat über 500 Matches in verschiedenen namhaften Promotions geleitet und dabei mit großen Namen wie Kevin Steen, El Generico, John Morrison, Sabu, RHINO oder Paul London gearbeitet, mal vor einem einzigen Zuschauer und mal vor fast 1.000 Fans. Er wurde von den wXw-Fans gehasst und musste sich im Steelcage dem „Irren aus Oberhausen“ stellen. Er wurde gefeiert und versuchte sich an einer Spontanhochzeit im Ring, die in Prügeln der auserkorenen Braut endete. Ab jetzt schreibt der Kultreferee von Deutschlands größter Wrestlingpromotion exklusiv für WrestlingFever.de!
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Ein gefährliches Wrestlingwochenende in Kalifornien

Ich saß auf einem Klappstuhl in einem dreckigen Hinterhof, umgeben von aufgehängten weißen Bettlaken, und fragte „Wohin geht er jetzt?“. Mein Nebenmann, der gerade seine Sporttasche zusammen packte, antwortete kurz und knapp: „Ich habe keinen Plan, vielleicht holt er seine Waffe? Ich bin auf jeden Fall hier raus.“ Ich überlegte kurz, warf noch einen Blick auf die Matchcard des nicht enden wollenden Kampfabends in einem Vorort von Los Angeles, California und entschied mich, dass es nun doch auch für mich an der Zeit war zu gehen.

Doch starten wir am Anfang: Wir schreiben das Jahr 2011, mein Debüt als Referee für den deutschen Marktführer wXw lag erst rund ein Jahr zurück, mein GSW-Debüt stand erst noch bevor, und dennoch hatte ich – über die in der US-Indyszene schon damals gute Referenz wXw – nach einigem Emailverkehr zwei Bookings von lokalen Promotern in Los Angeles ergattern können, mit denen ich mir meine Urlaubskasse auf einem US Westküstentrip, sowie natürlich auch meinen Erfahrungsschatz, aufbessern wollte. Von insgesamt drei Wochen Reisezeit sollte also ein Wochenende der US Indipendentszene gehören. Gesagt getan, die Reise startete mit meiner damaligen Lebensabschnittsgefährtin im September 2011 mit einem Flug von Düsseldorf nach Los Angeles.

Nachdem ich aus dem Internet nur zufällig kurz vor meinem Wrestling-Wochenende ärgerlicherweise erfahren hatte, dass mein Booking Nummer 1 an jenem Freitagabend nicht stattfinden würde, war ich hochmotiviert dann am Folgetag für Insane Wrestling League für eine faire Gage in den Ring zu steigen. Der Event fand in einer Halle der American Legion, einer Art „Gemeindehaus“ statt, wo ein Ring aufgebaut, Stühle aufgestellt und ein Entrance mit Vorhängen abgehangen worden war. Vor dem Event lernte ich den Promoter kennen, der mir zwei Midcard Matches zuordnete sowie die obligatorische „Überwachungsaufgabe“ außerhalb des Ringes bei einer 30 Mann Battle Royal (betriebswirtschaftlich interessant: Nur für diese waren ähnlich viele Wrestler bezahlt worden, wie Zuschauer in der Halle Eintritt zahlten). Im Main Event des Abends sollte Paul London seinen IWL World Championship in einem Triple Threat Match gegen Chris Kadillak und Ray Rosas (übrigens zwei absolut großartige Talente!) verteidigen. Als der ehemalige WWE Cruiserweight und Tag Team Champion am Nachmittag die Halle betrat und das gesamte Team/Roster (also inklusive mir) freundlich begrüßt hatte, ging er direkt zum Promoter und sprach mit ihm vor der wie üblich Backstage ausgehängten Matchcard über den heutigen Abend, wonach er mit dem Kugelschreiber kurz rum malte. Ich stellte wenig später fest, dass ich soeben zum Referee für den Main Event des Abends „befördert“ worden war, ohne eine weitere Information hierzu. Es sollte eines der besten Matches werden, die ich bis dahin leiten durfte.

Eine Erklärung hierzu folgte nach dem Event, als London mich nach meiner Meinung zum Kampf befragte. Ich fand ihn exzellent, zumal es selbstverständlich eine absolute Ehre war mit einem der absoluten Lieblingswrestler meiner Jugend arbeiten zu dürfen. Danach sprach er sein wXw Match gegen Mark Haskins ein gutes Jahr zuvor an. Dieses Match war sehr speziell, insbesondere nachdem London die spontane Idee hatte die Lichtkonstruktion hochzuklettern, um dann in gefühlt 10 Metern Höhe ohne weiteren Plan oben festzusitzen. Ich rate euch dazu einen Blick auf dieses Match bei wXwNOW zu riskieren (wXw 10th Anniversary aus Oberhausen). Daher meinte er an diesem Abend in den USA ganz klar zu mir, dass er damals selbst nicht zufrieden war: „Ich schulde euch ein besseres Match!“. Eine klare Botschaft, dieser Ausnahmeathlet war heiß darauf nach Deutschland zurück zu kommen. Ich teilte dem Office direkt nach meiner Rückkehr aus den USA natürlich meine äußerst positiven Erfahrungen mit, leider sollte es dann aber doch mehr als 5 Jahre dauern, bis man seine Rückkehr dann wirklich verwirklichte (wXw Broken Rules 2016).

Ebenfalls lernte ich einen sehr sympathischen Refereekollegen an jenem Abend kennen, der mich zuerst einlud auf das ein oder andere Aftershow-Bierchen mitzukommen. Interessanterweise waren nicht nur Wrestler von der IWL-Show, sondern auch von zwei in der Nähe zeitgleich stattgefundenen Indyevents dabei. Das Wrestler von verschiedenen Wrestlingevents am Ende desselben Abend in einer Bar zusammen kommen war für mich etwas ganz neues (kaum zu glauben wie hier manche Leute reagieren, wenn Liga A in der Stadt von Liga B veranstaltet). Er lud mich dann noch auf ein Booking bei einem Lucha Libre-Event am Folgetag in der Nähe ein, womit wir dann auch endlich bei unserer eigentlichen Geschichte von einem total verrückten Booking wären …
Nachdem ich am Folgetag auf der Suche nach der mitgeteilten Anschrift des Lucha Libre-Events durch gefühlt halb Los Angeles gefahren war ohne eine Veranstaltungshalle zu finden, parkte ich vor einem Fast Food-Laden in einer alles andere als ansprechenden Nachbarschaft. Ich versuchte mich durchzufragen, wobei auffälligerweise (aber durchaus passend zum Lucha Libre-Event) ausschließlich Latinos zu sehen waren. Nachdem einige Personen kein Englisch sprachen, andere mit der Schulter zuckten und jemand mich frage was ich hier will, ich solle besser weiterfahren, wenn ich wisse was gut für mich ist, während ein anderer mir mitteilte, dass dies nicht „mein fucking Neighborhood“ sei, versuchte ich es im neben der Adresse gelegenen Hinterhof, wo ich ein offenes Tor zu einer leeren Lagerhalle vorfand. Passend zum Viertel sah ich dort … nein, keine Drogenküche oder Tacoladen, sondern ein paar sehr nette Jungs mitten beim Aufbau eines Wrestlingrings. Ich war zu meiner großen Erleichterung also richtig, stellte mich vor, und anstatt beim Aufbau helfen zu dürfen, wurde mir wurde das Burgerrestaurant um die Ecke empfohlen und eine Stunde vor Showbeginn dann einfach wieder zu kommen. Ein sehr lockerer Umgang.

Dort erfuhr ich dann, dass es in jener Lagerhalle in besagtem Viertel von L.A. Sonntag für Sonntag einen Lucha Event gibt, den jeweils rund 300 Zuschauer, zumeist Familien mit (anscheinend hyperaktiven) Kindern, zum Preis von 5 Dollar besuchten, was aus meiner (mitteleuropäischen) Sicht ein wirklich bemerkenswerter Erfolg ist. Neben der (nun mit einem Ring und etlichen Klappstühlen sowie einem Snackstand gefüllten) Lagerhalle bildete der Hinterhof zu drei Vierteln den Parkplatz der Show für die Fans, und zu einem Viertel, welches zum restlichen Parkplatz ganz praktisch und einfach mit weißen Laken abgehängt wurde, den Backstagebereich für alle Wrestler und Offiziellen des Abends. Unter freiem Himmel, denn wenn man das Gebäude betrat trat man auch schon automatisch durch den Entrance in den „öffentlichen Bereich“. (Das klingt alles jedoch schon wesentlich angenehmer, wenn man berücksichtigt, dass das hier in einer angenehm laue Sommernacht in Kalifornien spielt).

Nachdem ich von meinem vom Vortag bekannten Refereekollegen Jay in die Besonderheiten des Lucha Libre nochmals eingewiesen worden war, leitete ich auch direkt den Opener der Show (welche aus mir nicht ersichtlichen Gründen mit 50 Minuten Verspätung begonnen hatte). Danach stellte ich zu meinem Erstaunen fest, dass nach dem 3-Count (gut, und nachdem die Aktiven dann aus dem Ring waren) direkt 20-30 Kindern in das Seilgewier stürmten. Was hierzulande undenkbar wäre war dort ganz normal: Nach jedem einzelnen Kampf des Abend tobte eine Horde Kinder durch den Ring und „spielte“ Wrestling. Weder Promoter noch Eltern hatten damit irgendein Problem. Was auch dadurch begünstigt wurde, dass ich glaube jeweils mindestens (aber mindestens) 10 Minuten Zeit vergingen, bis es zum nächsten Match kam, während Backstage noch alle ganz entspannt ihre Masken anlegten und Scherze machten, anstatt irgendetwas von einem Zeitplan zu halten, der halt eben ganz lateinamerikanisch unwichtig war. Dementsprechend wurde es ein langer Abend, was jedoch niemanden störte oder befremdlich erschien, weder vor noch hinter dem Vorhang. Die Stimmung war gut. Zumindest bis zu einem gewissen Punkt …

Die Veranstaltung wurde von zwei Promotern (Schrägstrich Wrestlern) durchgeführt. Und über 3 Stunden nach dem eigentlichen Showbeginn, inklusive einer 40 minütigen offiziellen Pause (zu den diversen inoffiziellen), kam es Backstage zu einem lauten Streit der beiden Männer. Und wie so oft im Leben sorgte hier eine Frau für Ärger (Grüße an Svetlana Kalashnikova an dieser Stelle). Ich erfuhr, dass Promoter/Wrestler A einer gewissen Dame, nebenbei wohl seine Exfreundin, zuvor ein sehr überzeugtes Hausverbot erteilt hatte, doch diese Dame nun überraschend für ihn gerade aufgetaucht und dann Promoter/Wrestler B für sein Match als Valet zum Ring begleitet hatte. Direkt nach dessen Match stürmte daraufhin Promoter/Wrestler A stinksauer in den Ring, griff sich ein Micro und nannte dies alles (vollkommen ungeplant) einen gigantischen Haufen Bullshit, Promoter/Wrestler B werde auf Grund der gerade erlittenen Niederlage nie wieder in der Liga antreten dürfen, um dann ein „Nanana, nananana …“-Lied mit den Fans anzustimmen. Ich als für den Kampf zuvor zuständiger Referee staunte über diese anscheinende Improvisation, deren Sinn mir natürlich in dieser Sekunden noch total unklar erschienen war.

Kaum waren die beiden wieder Backstage startete dieser Streit also außerhalb der Sichtweite der Zuschauer so richtig. Man schrie sich ordentlich an, es sei vorbei, es sei scheiße, die Liga sei gestorben, so Promoter/Wrestler A. Der andere wiederum versprach A, er werde dies „noch bereuen“ und verschwand stinksauer. Ich saß auf einem Klappstuhl in dieser abgehängten Ecke des Parkplatzes, die auf Grund der lauen kalifornischen Nacht eigentlich gar kein so schlechter Backstagebereich war und fragte wie ganz oben beschrieben meinen seine Sachen packenden Nebenmann nach dem was hier gerade passierte, der mich aufklärte und offensichtlich nun alles für möglich hielt: „Ich habe keinen Plan, vielleicht holt er seine Waffe? Ich bin auf jeden Fall hier raus.“ Ich habe in deutschen Backstagebereichen schon einiges gehört, aber das war wirklich mal eine außergewöhnliche Antwort!

Meine Laune war schon vorher ehrlich gesagt sehr mäßig, denn mein letztes Match war gerade durch, doch es standen immer noch 3 von 8 Matches an (plus entsprechend vermutlich noch drei spontaner „Kinder-Battle Royals“ in inoffiziellen Pausen) und die Uhr zeigte bereits nach Mitternacht, während meine damalige Freundin mittlerweile alleine im Hotelzimmer wartete. Und wenn auf einem Hinterhof in so einer üblen Gegend in den USA jemand nach einem Streit um eine Frau mit den Worten „Du wirst das noch bereuen“ verschwinden, kann das meinen Abend möglicherweise noch ein bisschen schlechter machen. Ich entschied mich darum den Rest des Events (und die Gagenauszahlung) nicht mehr abzuwarten, sondern mich sofort beim Promoter und allen Beteiligten zu bedanken und zu verabschieden, um dann ins Hotel zu fahren nach dem speziellsten Kampfabend meiner Laufbahn.

Referee Jay lud ich später dankend zur wXw nach Deutschland ein, was zwei Tage vor seiner Abreise dann an merkwürdigen Umständen scheiterte, und bei Paul London entschuldigte ich mich als ich ihn endlich bei der wXw wieder sah, dass es so viele Jahre dauerte mit dem Wiedersehen in Deutschland. Und ich werde diese zwei Events sicher genau so wenig vergessen wie die anderen Reiseerlebnisse rund um meinen ersten Kalifornien-Trip, wie das Stehen direkt am ungesicherten Abgrund vom 1.500 Meter tiefen Grand Canyon, meinen ersten Rundgang über den legendären Strip in Las Vegas (inklusive einer Cirque du Soleil-Show, in der alle Artisten/-tinnen aus konzeptionellen Gründen nackt waren) oder mein Bargespräch mit einer Gruppe kiffender Surfer in San Diego.

Vielen Dank für das Lesen meiner ersten Kolumne für WrestlingFever.de, ich hoffe ihr fühltet euch unterhalten. In den nächsten Ausgaben geht es dann weiter mit Themen wie „Wie alles begann“, „Wo bin ich hier eigentlich“ oder „Eine Lovestory zwischen Chemnitz und Oberhausen“.

Markus Weiß

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