Kolumne: Nearfall #3 – Wie alles Begann…[2] (04.03.2018)

Beim letzten Mal berichtete ich von meinem ersten, sehr negativen Kontakt zum EuroWrestling – rein zufällig zeitgleich mit Tassilo Jung, Soulfly und Tommy Giesen – in der Arena Borbeck als einer von 16 Zuschauern. Wie mich erst mehrere Jahre Abstand und Jake „The Snake“ Roberts bei wXw wieder als Fan zum deutschen Wrestling brachte. Und wie ich nach einem Interview mit Michael Ripp über „Michael Ripp vs. Jeff Jarrett“ für meine große Wrestling-Webseite völlig unverhofft innerhalb weniger Tage vom Ripper zum Referee „ausgebildet“ wurde, nur um bei „The Day after BSE Wrestlefest“ vor genau 0 Zuschauern aufzutreten. Das Ganze war echt nicht unterstützenswert oder hilfreich für die Kunstform Wrestling in Deutschland … und ich beendete meine kurze Laufbahn. Doch wie kam ich zurück in den Wrestlingring? Die Antwort heute in Nearfall – Part 3!

Im August 2006 erhielt ich wieder einen Anruf meines alten Bekannten Michael Ripp, der zwischenzeitlich in die nächste Promotion involviert war, dieses Mal unter dem Titel „FCW Deutschland“. Er wollte mich in den Ring zurückholen, und es war nach seiner Aussage wieder der „einer der größten Events, die Europa je gesehen hat“. Doch nein, diesmal kein Jeff Jarrett, sondern begründet wurde das Ganze mit der „legendären Dieter Renz Halle Bottrop“ als Veranstaltungsort (was an der Halle jetzt so legendär war weiß ich bis heute nicht).

Zu der Veranstaltung mit dem schönen „FCW SlamJam“ kamen dann auch über 400 Fans, was tatsächlich auch bis heute eine fantastische Zuschauerzahl ist. Der in einem lokalen WAZ-Zeitungsartikel beworbene Eintrittspreis in Höhe von 2 Euro zog offensichtlich! Dafür wurde im Vergleich zum letzten Mal doch ziemlich an der Qualität des Kaders gespart (Zitat eines Fans auf dem Moonsault.de-Cyboard: „Nach dem Blick aufs Line Up investiere ich die 2 Euro mal eher in was vernünftiges“). Und am Ringrichter, denn ich arbeitete nicht nur unentgeltlich, sondern auch noch als totaler Rookie einfach Mal alle 11 quälend lange Matches am Stück.

Ein absolutes „Karrierehighlight“ war das sehr besondere Erlebnis des Abends, das ich so zum Glück nie wieder erlebte: Die Zuschauerzahl von über 400 am Beginn der Show wurde nach und nach immer kleiner und kleiner: Bis zum Showende waren noch sage und schreibe noch 7 Zuschauer (alle Kinder mit Migrationshintergrund und eine dazu passende Mutter) in der Halle!
Mir in der Erinnerung blieb von jenem Abend unter anderem ein Aktiver, der sich „The Tramp“ nannte. Gimmick: Obdachloser Alkoholiker. Und das lebte er wirklich, denn er nahm seine Rolle aus irgendeinem Grund tatsächlich unheimlich ernst und roch wirklich als hätte er sich vor einigen Tagen auf seine Klamotten übergeben und sie seither nicht gewaschen, wodurch ich mich während des Matches beinahe im Ring übergeben hätte. Außerdem ein Damenmatch zwischen einer „Baroness“ und einer „Engländerin“, die sich in einer absoluten Katastrophe von Match ständig fragten, ob sie sich jetzt wirklich weh getan haben, bis ich mich für beide in Grund und Boden schämte und nur noch versuchte mich zwischen die Aktiven und die Tribünenseite zu positionieren, damit das Publikum so wenig wie möglich von dem sehen konnte was da gerade passierte.

Auf jeden Fall ein faszinierender Anblick war wie während der knapp 4 Stunden Showzeit die Tribüne quasi immer weiter schrumpfte. Die übrig gebliebenen 7 Kinder sahen am Ende einen großen Main Event, das Finale eines 8 Mann Turniers an diesem Nachmittag …
FCW Deutsche Meisterschaft Turnierfinale:
Michael Ripp (sein mittlerweile neues Gimmick: der Böse, der sich immer den Finger in das Arschloch steckt und ihm dann den Gegner wortwörtlich unter die Nase reibt) vs. Klaus Stahl (die sehr beliebte beliebte Reallifeversion von Bob der Baumeister).

Die Kids machten auf jeden Fall gut Stimmung und der Kampf gipfelte in meinem aller ersten Refbump, bei dem ich aus dem Ring geworfen wurde, so dass niemand das alles entscheidende Cover von Klaus zählen konnte (wie auch, war ja kein anderer Referee gebucht). Doch dieses unfaire Chaos ließen sich die 7 Kids nicht bieten: Sie hoben mich gemeinschaftlich hoch, trugen mich über ihren Köpfen und rollten meinen „leblosen Körper“ quasi in den Ring zurück. Anschließend hätten sie beinahe Chris Cheat, dem rothaarigen Sidekick von Ripp, daran gehindert noch entscheidend einzugreifen. Diese komplett unerwarteten Szenen retteten mir den Tag in Botttrop. Am Ende kämpfte sich Stahl zurück und ich zählte noch „Halb-KO“ schonungslos langsam vor den verzweifelten Kids 1, 2, 3 für ihn durch, um den ersten FCW Champion mit einem Happy End zu krönen, womit die Kinder dann begeistert den Ring stürmten.
Anekdote am Rande: Als ich ein Wochenende später das erste Mal überhaupt erkannt wurde und mich ein Fremder in einem Club beim Feiern mit „bist du nicht der Schiedsrichter von dieser komischen Wrestlingshow?“ ansprach, entschied ich mich schnell mit einem klaren „Nein“ zu antworten. Ich hatte bereits (erneut) entschieden nicht mehr als Ringrichter zu arbeiten. Die Qualität des Ganzen war einfach zu schlecht, viel zu schlecht für diesen Sport. 393 gehende Zuschauer hatte sich da nicht geirrt …

Es dauerte zwei Jahre, in denen ich natürlich fleißig weiter Wrestling schaute, vor allem WWE, TNA und wXw, bis dann doch wieder jemand mich überreden konnte wieder aktiv zu werden. Von meinem ersten bis zum dritten Einsatz als Ringrichter hatte es also 5 Jahre gedauert.

Ein neues, professionelleres Konzept und zugleich der Auftritt eines Mainstream-Superstars (der dieses Mal auch real wurde) überzeugten mich damals: Die FCW Deutschland hatte sich nach dem furchtbaren Start etabliert und veranstaltete mittlerweile monatliche Show in der Veranstaltungshalle Bottrop-Welheim und hatte dabei jeweils dreistellige Zuschauerzahlen und bekannte Gäste dabei. Nun hatte man den vor kurzem von WWE entlassene ex-Tag Team Champion Rene Dupree verpflichtet und er bekam eine Chance auf den FCW Titel, den mittlerweile Mot van Kunder hielt.
Da ich quasi „5 Jahre Erfahrung“ hatte (also quasi) wurde ich direkt zum „Senior Referee“ gemacht und leitete dieses „niederländisch-französische“ Titelmatch vor rund 200 Zuschauern. Am Ende wurde der gute Mot, ein bis heute aktives Urgestein der niederländischen Wrestlingszene, vom ex-WWE Star gepinnt. Doch ich revidierte die Entscheidung, da sein Bein vor dem 3-Count im Seil war. Nach einem Restart konnte Mot van Kunder sein Gold dann mit einem überraschenden Einroller am Fly In verteidigen. In der selben Veranstaltung traten mit Gabriel Angelfyre, Carnage, Rico Bushido, Violent Tom und Stahl auch weitere noch heute sehr geläufige Männer auf. Und die Fans gingen dieses Mal auch nicht während der Show nach Hause. Man könnte also sagen: Es war endlich mal eine erfolgreiche, ordentliche Veranstaltung für mich, so dass ich von nun an fast monatlich für die verbesserte FCW im Ring stand.
Der Main Event im Folgemonat: Andrew Patterson vs. Violent Tom vs. Rico Bushido. Später holte man u.a. Shannon Moore und Glacier. Ich konnte mich hier etablieren und erstmals regelmäßige Erfahrungen sammeln.

Außerdem kam es rund um diese Shows zu meinem ersten Kontakt zu HATE. Der Gründer von wXw hatte seine Liga zwischenzeitlich an ihre heutigen Besitzer verkauft und nun einfach eine neue Promotion an den Start gebracht, um die deutsche Szene auf den Kopf zu stellen: FWG.

Mein absolutes Lieblingsfoto von einem Tattoobrawl-Event

Daher sprach das absolute EuroWrestling-Urgestein HATE mich einen Monat später im Rahmen einer FCW-Show zum ersten Mal persönlich an und verpflichtete mich für den damals von FWG ausgerichteten Tatoobrawl, dem alljährlichen Kultevent auf Olaf`s Tatoofest in Unna (später Jahre lang ausgerichtet von der wXw).
Für die, die den Tattoo Brawl nicht kennen sollten: Das Ganze ist eine Gratisveranstaltung auf grüner Wiese in Unna vor einem Haufen lokaler Kinder als Rahmenprogramm zur großen Schweinekopfversteigerung. Ich glaube der Tattoobrawl findet noch bis heute regelmäßig statt und hat mir viele kultige Erinnerungen beschert, z.B. ein FWG Hardcore Titel Match bei strömendem Regen, bei dem HATE und Violent Tom im Regen mit vom Wind von den Bäumen gewehten Ästen fechteten, während der letzte Zuschauer nach einigen Minuten ging (trotz hinterherrufen von HATE) und auch die Aufnahme vom Match niemals veröffentlicht wurde. Den entsprechenden Titelwechsel in Unna hätte man also auch einfach erfinden können, anstatt mich in Outsidebrawls wortwörtlich knietief im Matsch versinken zu lassen.

Die FWG existierte übrigens genau bis zum Osterfest 2009. Damals war ich bei einem 3-Tage Event, ausgerechnet über die Feiertage, im schönen Essen gebucht. Am Freitag erschienen in der Zeche Carl vielleicht 20 Zuschauer, wobei der Headliner ein 10 Man Tag Team Match mit u.a. Christian Jakobi, Tassilo Jung und Marcel Manka war. Am Samstag zog man aus mir unklaren Gründen innerhalb der Stadt um, um im ehemaligen Stripclub Diamond Star vor auch nicht viel mehr Zuschauern ein richtig stark besetztes Lightweight Tournement (Finale: X-Dream vs. Thumbtack Jack vs. Lazio Fee vs. Tommy End) zu zeigen. Am dritten Tag war man erneut in der Zeche, wo man den ex-WWE Star Kevin Thorn gegen Bad Bones und ex-WCW Star Vampiro (der jedoch no-showte) gegen HATE gebucht hatte. An Ostern hatten die Leute trotz der sehr ansprechenden und nicht gerade kostengünstigen Card anscheinend anderes vor, und so kamen leider auch hier keine 50 Zuschauer, was die Liga des späteren wXw Hall of Famers bei den Kosten für dieses große Wochenende vermutlich finanziell endgültig ruinierte. Dies war leider das Ende für FWG.

Tommy End (Aleister Black) nach dem Gewinn des FCW Lightweight Titels

Etwas früher, im August 2008, hatte ich die Ehre bei der FCW Deutschland zum ersten Mal mit Tommy End zu arbeiten, und dem späteren wXw Unified World Wrestling Champion sowie heutigem NXT-Superstar dabei sogar sein wohl erstes Titelgold überreichen zu dürften, nachdem er einen Typen mit dem Namen Mighty Man zum Abklopfen brachte: Den FCW Lightweight Titel. An den Namen merkt ihr vielleicht wie weit diese Zeiten in einer Turnhalle heute entfernt sind, auch wenn man nach nur wenigen Sekunden mit ihm im Ring schon bemerkte, dass sein Talent über alles andere herausstach und es eine absolute Ehre war mit diesem noch jungen Ausnahmetalent zu arbeiten! In der FCW machten übrigens auch spätere wXw-Stars wie Carnage, Mike Schwarz oder Jason Hendrix ihre ersten Schritte.

Wie professionell war das Produkt von FCW Deutschland damals? Nun ja, die FCW-Shows fanden in einer taghellen Turnhalle ohne jede Beleuchtung statt, um den Ring eine einzige Reihe Stühle, dazu eine kleine Zuschauertribüne außerhalb der Sportfläche. Der Entrance bestand z.B. aus 3 zu einem „Durchgang“ aufgestapelten Schulsportmatten mit einem schwarzen Vorhang davor (der auch Mal runter fiel), zum Teil mit einer Nebelmaschine, die niemand vernünftig bedienen konnte. Nachdem man Ripp zwischenzeitlich vor die Tür gesetzt und wegen finanzieller Ungereimtheiten angezeigt hatte, war die Promotion jedoch auf jeden Fall um Verbesserung durch gute Gastwrestler und externe Trainer bemüht.

Klopapier-Bash bei einer FCW-Show mit Adam Polak

Das blieb auch der damals schon größten Liga der Region nicht verborgen, und so begann etwas später eine Zusammenarbeit zwischen wXw und FCW. Einige Vereinsmitglieder bei der FCW stemmten sich zwar voller Vorurteile gegenüber der wXw-Führung dagegen, doch nach großen Diskussionen und Überzeugungsarbeit wurde der Verein FCW in einer „Kampfabstimmung“ aller Mitglieder mit denkbar knappem Ausgang zur Ausbildungsliga der wXw. Und damit quasi zum Vorvorgänger der heutigen wXw Wrestling Akademie. Das Gewinnen eines Unterbaus mit regelmäßigem Showbetrieb, kleiner Fanbase und Trainingsbetrieb war damals ein großer Schritt für Westside Xtreme Wrestling. Alteingesessene FCW-Leute hingegen sahen die Liga dagegen „todgeweiht“ und verließen diese enttäuscht, vermutlich auch aus Angst mit der steigenden Professionalität den Spaß (oder zumindest den Platz in den Shows) verlieren zu können. Wie man heute weiß war dies wiederum für andere FCW-Wrestler, die dabei blieben, dagegen genau der Startpunkt ihrer wXw-Karriere. Und für mich führte es endlich zu professionellem Training mit meinem Mentor Tassilo.

Durch diese Entwicklungen in 2009 rückte die „unerreichbare“ Nummer eins wXw plötzlich ganz nah heran. Ich bewies mich bei meiner Arbeit in der „wXw-Ausbildungsliga“ weiterhin und erarbeitete mir damit meine große Chance: Am 30.07.2010 stand ich bei der Fans Appreciation Night endlich das erste Mal im Ring von Westside Xtreme Wrestling (anstatt begeistert davor, wie in den letzten 8 Jahren). Es war eine große Ehre für mich. Ich leitete an jenem Tag Michael Dante vs. Axeman sowie Karsten Beck vs. Thumbtack Jack und erhielt danach ein positives Feedback, was letztlich der Beginn meiner „echten“ Wrestlinglaufbahn wurde. Doch dazu ein anderes Mal mehr …

By Markus Weiss

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