Kolumne: Ultrawrestling #1 – „Die Logik der Medien“ (03.01.2017)

Der GWF-Wrestler Slinky möchte im November 2017 sein erstes Buch veröffentlichen und Euch im Rahmen dieser exklusiven Kolumne auf WrestlingFever.de bereits einen kleinen Einblick gewähren. Weitere Infos zu diesem Projekt gibt es natürlich bei uns und auf der Facebookseite dieses Projekts. Weitere Infos zu Slinky gibt es auch im WF-Interview mit ihm.
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#1 – Die Logik der Medien

„Der Stein, den die Bauleute verwarfen, der ist zum Eckstein geworden.“ [Markus 12:10]

Fast täglich sehe ich Video-Zusammenschnitte von Wrestling-Veranstaltungen. Und in meiner zweijährigen Arbeit im Berliner Büro der ChaerBros Wrestling GbR habe ich zur Kreation diverser Medien-Projekte beigetragen, assistiert und beobachtet. Als Unterhalter im Wrestling-Ring habe ich auch für mich selbst Video-Material erstellt und bearbeitet.

Wenn ich viele sogenannte Highlight-Clips betrachte, dann ist das was ich sehe zwar oft cool – Aber dabei bleibt es auch. Die Videos sind austauschbar. Sie erzählen keine oder nur immer und immer wieder die gleiche Geschichte. Spot an Spot, Move an Move werden ohne Sinn und Verstand aneinander gereiht. Genauso sieht es mit der begleitenden Musik aus. Sie ist oft zufällig ausgewählt.

Einige der Cutter haben bemerkt, dass man Musik auf ein ursprüngliches Instrument reduzieren kann: Das Schlagzeug. Mit etwas Phantasie kann man sich den Ring als eine große Trommel vorstellen und den Aufprall des Wurfes oder des Sprunges mit dem Schlag vereinen. Doch selbst in diesem schon kreativen Fall bleibt es oft bei den ewig gleichen „sieben Takten“. Schaut man einige dieser Videos, dann wird es schnell langweilig.

Gibt es andere Methoden zu arbeiten? Kann man vielleicht die erste Methode variieren? An welches Instrument erinnert der Ring noch? Mir fällt auf, dass die Seile des Ringgevierts wie die Saiten einer Gitarre aussehen. Warum also nicht den Fall in die Taue mit dem Strich auf einem Saiteninstrument vereinen? Hier ist etwas, das gab es noch nicht. Aus einer alten Logik ist etwas vollkommen Neues geworden.

Die Film- und Musikindustrie benutzt solche kreativen Mittel seit ihrer Existenz. Und trotzdem gibt es neue und für den Zuschauer spannende Geschichten und Effekte. Oft Remixes von Althergebrachten, selten aber auch das Unique, das Neue.

Die Musik in einem Video soll eine Geschichte erzählen, genau wie es die Videoaufnahme oder eine Stimme darin tut. Je nach Geschichte können die einzelnen Medien im Video harmonieren – oder eben nicht. Betrachten Wir das Video einer Person indem die Worte „Ich rufe Dich“ zu hören sind! Ist es nicht logisch, wenn diese Worte von dieser Person kommen, dass passende Gesten verwendet werden.

1. Ich – Die Person deutet mit dem Finger auf sich selbst
2. Rufe – Die Person formt mit beiden Händen eine Art Flüstertüte vor ihrem Mund
3. Dich – Die Person deutet mit dem Finger zur Kamera

In diesem Einzelfall wäre es vollkommen Sinnlos, wenn die Person bei dem Wort „Ich“ eine „Sieben“ mit den Fingern zeigen würde oder zwischen den Wörtern „Rufe“ und „Dich“ eine Schwimmbewegung machen. Das ist Hühnerscheiße !! Aber so sind viele der Wrestling-Zusammenschnitte, die aus der internationalen Indypendent-Szene des Wrestling kommen.
Doch Gesten, Handlungen und Ausrufe gehören zusammen. Genau wie es Bild-Schnitte, Videoaufnahme und Musik tut.

Hat der Trittbrettfahrer gut aufgepasst, dann ist er schon fein am Kopieren. Ob er die Logik dahinter verstanden hat, das steht auf einer anderen Seite. Wer cool und innovativ sein will, der muss begreifen, dass er sich nicht am Coolen und Innovativen bedienen sollte. Der Abbruch dieser Mode ist schon voraussehbar und zu viele Konsumenten bedienen sich ihrer. Es ist Zeit mit dieser Regel zu brechen, sich aus dem Alten, dem Weggeworfenen und dem Hässlichen zu bedienen. Das Innovative von Heute ist nicht das Innovative von Morgen.

Gehen Wir weiter in Unserer Betrachtungsweise! In einen Gangsterrap-Video ist der Rapper zu sehen, wie er eine Person um etwas bittet. Es fällt das englische Wort „Please“. Gegenstand des Videos ist auch die schwierige Zeit, die der Rapper in seinem Leben hatte. Wenn es heute innovativ ist, dass bei dem Wort „Please“ der Rapper zu sehen ist, wie er eine „Bitt-Geste“ macht, was ist dann morgen innovativ? Man kann sich dem Stilmittel eines Wortspiels bedienen. Das Wort „Please“ klingt unklar ausgesprochen wie das englische Wort „Police“. Warum also nicht in dieser Situation den Schnitt auf einen Polizisten wagen, der zum Beispiel den Protagonisten des Videos verfolgt? (Evil Ebenizer, Wake up [0:36])

Wortspiele kann man wie jedes stilistische Mittel bis ins Extreme ausreizen und bis zur Beinahe-Unkenntlichkeit entstellen. So tragen manche Rapper in sogenannten Battle-Videos, das sind Musikvideos in denen sich z.B. zwei Rapper gegenseitig künstlerisch bekriegen, bestimmte Symbole. Trägt der Eine beispielsweise eine Mütze mit einem „W“ darauf, so trägt die Sängerin des Erwidernden ein Shirt der College-Basketball-Mannschaft Michigan Wolverines (zeigt ein stilisiertes „M“) auf der Brust. Der Betrachter mag nichts dabei bewusst denken, jedoch kann er sich an bestimmte konstruierte Dinge aus der Vergangenheit erinnern. Mario und Wario z.B. – Eine gelernte und gelehrte Feindschaft der Unterhaltungsindustrie. Und auch der englische Ausspruch „Tit for tat!“ (Deutsch: “Wie Du mir, so ich Dir!“) könnte passen. Wir erinnern Uns: Ein stilisiertes W, vielleicht in verschnörkelter Schreibschrift, kann wie ein „TAT“ aussehen. Und ein M auf einer Frauen-Brust hat natürlich auch einen Wegweisungs-Charakter.

Und auf diese Weise sollte auch ein Wrestling-Video durchdacht sein. Das „Pro“ im Pro Wrestling besteht nicht aus Zufällen!

Manche Einzugsmusik eines Wrestlers und auch so manche Filmmusik mag sehr markant sein. Sie wird wiedererkannt. Warum das nicht in einem Highlight-Video einer Wrestling-Show benutzen?

Im James Bond-Film Skyfall (Eon Pruductions, 2012) gibt es eine Gedichts-Szene in einem Gerichtssaal. Als Polizisten verkleidete Attentäter stürmen den Saal und wollen die Person töten, die das Gedicht vorträgt. Während der ganzen Szene und der folgenden Kampfhandlung spielt die markante James Bond-Musik. James Bond rennt in den Saal, will die Ermordung der Person verhindern. Doch genau in dem Moment, wo James Bond und seine Helfer es schaffen die Überhand gegen die Attentäter zu gewinnen, entsteht eine Handlungspause. Und was passiert da mit der Musik? Die Musik unterlegt die Handlung logisch, denn in der Handlungspause – in der der Zuschauer Zeit hat zu merken, dass sich etwas gravierend verändern könnte, pausiert für einen kurzen Moment die markante James Bond-Musik und eine weitere bekannte Melodie wird dieser Themen-Pause unterlegt: Die markante Melodie des Dr. Who-Themes. Was macht Dr. Who? Er rennt häufig die Straße oder Gänge entlang – wie gerade bei James Bond gesehen. An was erinnern Wir Uns bei Dr. Who noch? Er reist in einer als Polizei-Notrufzelle getarnten Zeitmaschine. Wir werden durch die Melodie in der Pause also an Protagonist und Antagonist der Szene erinnert. Wer hatte im Geschehen die Oberhand und wer wird sie in der Zukunft haben? Um dem Zuschauer das bewusst zu machen, dafür gibt die Pause Zeit, die Melodie manifestiert das Geschehen zwischen den beiden Kontrahenten. Zwei Herzen.

In dem Film „Bankraub für Anfänger“ (ZDF, 2012) mit Wolfgang Stumph wird ein Bankangestellter gezeigt, der gemeinen Arbeitern faule Anlagen anbietet. Die Anleger verlieren alles. Der Bankangestellte versucht nun heldenhaft das Geld für die Arbeiter wiederzubeschaffen. Wie unterlegt man ein solches Video musikalisch? Kann das richtige Casting des Protagonisten ein weiteres wichtiges Stilmittel im Rüberbringen des Films sein?

Die Produktionsfirma machte das hier schlau. Sie casteten Wolfgang Stumph, der schon mehrmals den typischen „Held der Arbeit“ gespielt hat. Er bedient mit seinem Alter und seiner Vorgeschichte genau Zielgruppe des Films. Arbeiter in seinem Alter. Und als Stumph und all die Leute jung waren, welche Musik war dort populär? Die Beatles. Und welches Beatles-Lied handelt von einem Arbeiter-Held? Na klar, Working Class Hero. Und so hört man in der Film-Musik zwei übereinander gelegte Melodien. Und eine davon ist eine Variante von „Working Class Hero“.

Wir erkennen also mehr und mehr, dass die Musik einen wichtigen Einfluss auf die Wahrnehmungsweise haben kann. Kehren Wir zurück zu Dr. Who! Wo in der Wrestling-Welt haben Wir die Melodie gehört? Wo in der Wrestling-Welt haben Wir Aussagen, Gesten oder Bekleidung aus dieser Serie gesehen? Was hat das Uns bewusst gemacht?

Wir erkennen auch, dass die Auswahl der richtigen Arbeiter einen Einfluss auf die Wahrnehmung der Handlung hat. Lance Henriksen ist ein Schauspieler, der sehr gerne so gecastet wird. Dieser Mann ist u.a. aus der Alien-Reihe bekannt, wo er einen Cyborg, einen menschenähnlichen Roboter, verkörperte. Für den Film „Unspeakable“ (Pavan Films, 2002) wurde Henriksen gecastet. Der Film handelt von einem Serienmörder im Gefängnis, der von einer Frau befragt wird. Im Laufe der Handlung stellt man sich die Frage: Ist in diesem Mann ein böses Wesen, was von Zeit zu Zeit herausbricht? Oder handelt er eiskalt wie ein Roboter? Lance Henriksen spielt nur eine Nebenrolle in diesem Film. Aber warum nahm man ihn für diese eigentlich nicht bedeutende Rolle? Weil seine große vergangene Rolle in der Alien-Saga die zentrale Frage in diesem Film bekräftigt. Wesen was rausploppt oder eiskalte Maschine?

Wenn all das in der Unterhaltungsindustrie getan wird, warum sieht man solche Stilmittel nicht in dem europäischen Wrestling-Geschäft. In Deutschland sehe ich zumeist nur immer und immer wieder die gleichen Geschichten in den Wrestling-Clips und Highlight-Videos. Diese Dinge sind auch das was Amateur und Profi in der Unterhaltungsindustrie voneinander unterscheiden. Manche werfen das achtlos weg. Andere wissen: Diese Stil-Mittel sind der Eckpfeiler für den Aufschwung einer momentan boomenden Wrestling-Industrie in Deutschland und Europa.

Slinky

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