Kolumne: Ultrawrestling #3 – „Ribbing – Die vergessene Kunst“ (19.02.2017)

Praktische Witze erfreuen nicht nur die Internet-Gemeinde. Auch im Geschäft des Pro Wrestling sind solche Streiche verbreitet. Die Wrestling-Welt bezeichnt einen solchen praktischen Witz als „rib“.

Was das Ribbing von einem gewöhnlichen Prank unterscheidet – und das ist die Kunst , ist, dass ein tieferer Sinn dahinter steckt. Es geht nicht um das gemeine Lustigmachen, nicht um das Erschrecken und Veralbern. Es geht darum im liebevollen Sinn eine Nachricht zu senden und ggf. jemanden damit weiterzuhelfen. Zwei Regeln habe ich diesbezüglich gelernt. Erstens hat auch beim Ribbing die körperliche Unversehrtheit Priorität. Und zweitens darf der betroffenen Person kein Geschäft dadurch kaputt gehen.

In Deutschland ist diese Kunst am Aussterben. Ich bin seit Oktober 2009 im Wrestling-Training und damit auch immer mehr oder weniger im Dunstkreis des Geschäfts gewesen. Aber nur ganz selten habe ich echtes Ribbing in Europa mitbekommen. Vielmehr habe ich Geschichten aus Nord-Amerika gehört, beispielsweise in Erzählungen über Mr. Fuji. Ich denke, es gibt genügend Bücher und Videos, die zu seinen legendären Taten Stellung beziehen.

Wie ein eher niveauloses Ribbing in Deutschland aussieht, kann ich gerne beschreiben. Eine Person erzählt beispielsweise andauernd, dass sie unbedingt mehr trainieren und abnehmen muss. Ihr Umfeld merkt, dass die eigene Untrainiertheit am Selbstbewusstsein der Person nagt. Letztendlich ist es aber für das eigene Wohlempfinden nachrangig, ob eine Person etwas zu viel Fett auf den Hüften hat oder die Arme zu dünn sind. Sicher, das Geschäft kann manchmal giftig sein – ein Haifischbecken – wo jede „körperliche Schwäche“ zum Stolperstein wird. Aber generell kann ich sagen, dass eine durchtrainierte Person mit großen Muskel-Armen nicht unbedingt ein guter Mensch sein muss.

Um zu zeigen, wie unwichtig die Äußerungen des Umfeld für das Wohlempfinden der betroffenen Person ist, wird nun folgendes getan: Die Person befindet sich auf Tour in einer fremden Stadt, wo sie vielleicht nur 4 andere Worker bei der Veranstaltung, wo sie auftritt, kennt. Dann kommen in den verschiedensten Situation die verschiedensten Worker auf die Person zu und loben wie gut trainiert sie ist und was für muskelöse Arme sie doch hat. Letztendlich wird die betroffene Person begreifen, dass irgendwas hier nicht stimmt. Und ggf. wird die Person auch einen Schluss daraus ziehen, dass Bemerkungen, die auf den eigenen Körper zielen, nicht immer beachtet werden sollten.

Ich finde, ein solches Ribbing stellt ein sehr tiefes Niveau dar. Künstlerisch wenig wertvoll. Im Deutschen Pro Wrestling ist das jedoch das seltene Top-Niveau. Man kann also sagen, dass hierzulande das Ribbing eine fast vergessene Kunst ist. Zum Glück haben Wir amerikanische Einflüsse, sodass ich Euch beschreiben kann, wie ich mit dem Ribbing konfrontiert wurde.

2016 nahm ich wie jedes Jahr an zahlreichen Castings teil. Engagements für Film und Fernsehen sind ein lukrativer Zuverdienst für einen Pro Wrestler. Zumal man als Pro Wrestler kleine Stunts locker selber machen kann und wo andere Darsteller Berührungsängste haben, da ist man einfach sehr professionell.

Durch eine Casting-Teilnahme erhielt ich zeitnah ein mehrtägiges Engagement für eine TV-Serie. Ich ging also ins Berliner Büro der German Wrestling Federation, machte dort meine Arbeit. Ich schrieb und veröffentlichte eine Ankündigung, dass PJ Black bei GWF Summer Smash, Unserer Sommer-Veranstaltung, antreten würde. Mir gegenüber saßen, wie so oft, Blue Nikita und Crazy Sexy Mike. Und ich liebte es dort im Büro zu sein, im Geschäft des Pro Wrestling rund um die Uhr zu arbeiten. Ich sagte Bescheid, dass ich die nächsten paar Tage fehlen würde, da ich für eine Serie drehe.

Schließlich bekam ich kurzfristig ein Drehbuch zugeschickt und ging zum Set. In meinen Geschäft ist es üblich, dass ich mich bei jedem Vorstelle und selbst in Erfahrung bringe was die Leute so für Aufgaben haben – wer sie sind. Also stellte ich mich vor. Und plötzlich realisierte auch ich, dass hier irgendwas nicht stimmt.

Jeder bei dem ich mich vorstellte, hatte „Mark“ im Namen. Klar kann es mal einen Mark oder Markus geben, oder zufällig ein „Mark“ in seinem Nachnamen haben. Aber dass wirklich jeder der Crew „Mark“ im Namen trägt, scheint mehr als nur ein Zufall zu sein. Der Begriff „Mark“ bezeichnet im Pro Wrestling eine Person mit der man Geld verdient.

Darüber nachdenkend ging ich zu meinen Schauspielkollegen – zwei Frauen – und fragte nach ihren Rollennamen. „Meike und Nicoletta“ bekam ich zu hören. Woran erinnerten mich die Namen nur? Nicoletta ist schon ein sehr seltener Name, fand ich. Und er kommt den Namen einer bekannten deutsch-griechischen Diva schon sehr nah. Mit meinem Insiderwissen verstand ich, was mit dem Rib gemeint war. Um von Meike auf Mike zu kommen, das ist auch nicht so schwer.

Mein Rollenname war übrigens „Robin“. Mal abgesehen von dem Fakt, dass viele Menschen meinen richtigen Namen andauernd verwechseln, Robert, Roland, Ronald, sagen, wusste ich von einem Tryout, dass jemand die Rolle des „Bruder Tuck“ zugewiesen bekam, um auf seinen körperlichen Zustand zu deuten. Auch wenn er sich selbst vielleicht als ein Indianer sah.

Ich durchblätterte das Drehbuch und fand schnell auf mich maßgeschneiderte Stellen. Im Pro Wrestling hatte ich zu dieser eine Clown-Persönlichkeit und kam mit der Musik „Ralph Wiggum – Ente“ heraus. Ich warf Quietsche-Enten ins Publikum und brachte die Zuschauer dazu „Ente Ente“ zu rufen. Im Drehbuch stand, ich solle mit den beiden Darstellerinnen zwei Bade-Szenen haben, jeweils mit einer Quietsche-Ente in der Hand. Einmal nackt in der Badewanne und dann in Badekleidung in einem Pool. Der Clou war laut Skript, dass Wir alle drei als sogenannte Furry´s verkleidet sein sollten, was perfekt zu PJ Black als „The Bunny“ passte. In meiner Vergangenheit hatten auch Demonstrationen ihren Platz, also fehlte im Skript die Demonstration nicht.

Ich trinke keinen Alkohol, lebte Jahre lang Straight Edge, und natürlich war vertraglich vereinbart, dass ich keinen Alkohol trinke. Also wurde mir Alkohol serviert, der auch Alkohol war – und Wir sollten eine Party-Szene spielen. Ohne zögern spielte ich die Szene mit dem Alkohol. Und ich bemerkte, dass die Crew sehr darauf achtete, ob ich trank oder nicht. Ich spielte das Trinken nur, aber ich hätte auch für eine Szene Alkohol runterschlucken können, ohne dass ich Alkohol (privat) trinke. Das hört sich sehr seltsam an – auch bezogen auf die eigenen Ideale, die eigene Professionalität und die eigene Integrität. Was würdest Du tun?

Aufnahmen von meinem Schniedel gibt es nicht. Da kann man so viel Geld bieten wie man will. Auf diese Überlegung folgte die nächste Szene: Eine Sexszene im Bett. Ein Dreier mit Tierlauten und zum Glück in Tierkostümen. Trotzdem sehr unangenehm, mit zwei fremden Frauen vor einem Kamerateam ineinander verschlungen „Sex“ zu spielen. Die nächste Szene sollte dann noch unangenehmer werden: Eine Fummel-Szene zu dritt und nackt in der Badewanne. Mit Quietsche-Entchen. Und zum Glück konnte die Kamera meinen „Slim Jim“ nicht filmen.

Natürlich versuchte ich rauszufinden wer mich da durch den Kakao zog. The Rock war gerade in der Stadt – und hatte zufällig mit einem Crew-Mitglied der Serie ein Interview geführt. Eine der Darstellerinnen, mit der ich die „Sex-Szene“ hatte, war „ganz zufällig“ die ehemalige Freundin eines Deutschen Wrestling-Promoters. Die andere Frau war eine Redakteurin von Deutschlands größtem Serienportal. Zu diesem Zeitpunkt begannen Wir in der German Wrestling Federation auch schon für Courage (eine Wrestling-Miniserie) zu filmen. Ein Zufall?

Bei diesem Dreh gab es noch ein paar andere „Zufälle“. Letztendlich habe ich aber einen guten Job gehabt und viel Geld verdient. Veröffentlicht wurde die Serienfolge bislang noch nicht. Vielleicht war es auch nur „für ihre ganz eigene Datenbank“. Ihr müsst nämlich wissen, dass manchmal sogar ganze Serien produziert werden, die niemals veröffentlicht werden. Sei es aus ökonomischen Gründen, sei es aus Gründen des Ribbing. Das klingt natürlich erst einmal sehr absurd. Doch warum? Große Produktionsfirmen können sich sehr viel fördern lassen und auch viel steuerlich absetzen. Eine Serienfolge kann zwar schon einmal mehrere 10.000 Euro kosten. Für die Deutsche Wrestling-Szene ist das viel Geld. Aber nicht für das Fernsehen und großen Produktionsfirmen.

Produzenten und Investoren wollen ihr Geld ganz sicher nicht wegwerfen – das stimmt. Aber sie tun es auch nicht. Sie unterhalten sich, mit der kreativen Freiheit die sie haben. Mit mehr Geld kann man nicht automatisch mehr essen, mehr Kleidung tragen oder mit mehr Autos fahren. Ich denke darum, dass sich viele reiche Menschen mit der Zeit der Philanthropie zuwenden und ein Teil ihres Geldes und ihrer Zeit in die positive Entwicklung von anderen Menschen stecken.

Bei mir ging es dann mit einem anderen Dreh weiter. Dazu muss ich sagen, dass ich Anfang 2012 zusammen mit Pascal Spalter zu einem Casting ging, durch das er dann später eine Hauptrolle (Nils) bei Berlin Tag & Nacht bekam. Für das Wrestling-Geschäft hatte das enorme Bedeutung. Die Leute sahen ihn im Fernsehen und kamen durch ihn dann zu den GWF-Veranstaltungen. 2012 und 2013 verkauften Pascal Spalter und Matze Danger (eine einzigartige Comedy-Persönlichkeit) die meisten Tickets im Berliner Pro Wrestling und füllten ganze Zirkus-Zelte. Und wenn ich von „vielen Tickets“ schreibe, dann meine ich „übertrieben viele Tickets“. Für mich war das natürlich bitter. Schließlich war ich beim gleichen Casting am gleichen Tag. Ich hätte die Hauptrolle bekommen können und das GWF-Zugpferd werden können.

Also war ich nach diesen merkwürdigen Furry-Serien-Dreh bei einem anderen Dreh. Und ich sollte mit einer weiteren Person einen Pfleger spielen. Ich schaute auf das Drehbuch – und FUCK, mein Rollenname war „Nils“. Bevor der Dreh losgeht, gibt es zumeist noch einen Betreuer, mit dem man den Ablauf durchgehen kann. Ich bekomme also mit, wie er mit einem anderen Darsteller die Rolle durchgeht, und vor meinem Augen ihm verkauft, dass er die Hauptrolle ist. Beim nächsten Darsteller macht er genau das Gleiche. Er ist die Hauptrolle – was ich natürlich mitbekomme. Bei der nächsten Darstellerin genau das Gleiche. Ich bekomme zu offensichtlich alles mit.

Wir alle werden zum Set gefahren. Und ich überlege noch was das soll. Warum dieser Name für meine Rolle? Während der Fahrt unterhielt ich mich dann mit meinem Spielpartner. Wir beide spielen Pfleger, ich habe eine Sprechrolle, er nicht. Er fragt mich was ich sonst so beruflich mache. Ich meine Pro Wrestling, und frage nach, was er noch so macht. Plötzlich meint er, er hätte bei Berlin Tag & Nacht unterschrieben und würde dort bald eine Hauptrolle übernehmen. Natürlich ist das für mich ein Trigger. Am Set selbst kommt die Regisseurin auf mich und meint, dass ich doch nicht die Sprechrolle hätte. Sondern eben dieser Drehpartner mit der Hauptrolle. Ich denke mir: „Zum Glück kommt wenigstens nichts mit einem Dreier wie bei dem anderen Dreh.“ Anschließend werden Wir beide werden von einer sehr attraktiven Frau in ein anderes Fahrzeug gebracht, um später an den Drehort heranzufahren. Als sie weg ist meint er: „Ich habe zwar eine Freundin, aber ich habe mir ihre Telefonnummer klargemacht. Ein Dreier kann ja nicht schaden.“

Für mich waren das zu viele Zufälle. Und ich kann davon ausgehen, dass dies auch ein Set-up war. Und ich habe nicht nur viel Geld damit verdient, sondern auch viel daraus gelernt. Obwohl auch dieses Ribbing unangenehm war, hat es mir nicht geschadet.

Wer für das Fernsehen arbeitet, ob für Pro Wrestling oder Reality TV, muss damit rechnen, dass Schreiber gute Anhaltspunkte für ihre Skripts bekommen. Ich persönlich mag das. Aber wer das nicht mag, sollte darauf achten nicht zu viele Informationen preiszugeben. Und Produzenten arbeiten grundsätzlich zusammen.

Wie auch immer:
Ribbing ist für die, die sich mit einer professionellen Wahrnehmung bewegen, merkwürdig und kann große Emotionen hervorrufen. Und falls das hier ein Produzent liest: Ich mag Möpse. Ich mag große Möpse. Und ich mag kleine Möpse. Und mittlere Möpse, naja… die gehen so.

„Slinky“

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