Chris Jericho im WrestlingFever.de Interview (13.07.2011)

WF: Hallo Chris, wir freuen uns dich kennen zu lernen.

Chris: Ganz meinerseits.

WF: Du bist die letzten Wochen mit Fozzy durch Europa auf Reisen. Wie war die Tour bis jetzt? Wir haben gehört, dass euer Tourbus gestern einen Unfall hatte.

Chris: Ja, unser Tourbus hatte gestern einen Unfall auf der Autobahn, weil einer unserer Fahrer eingeschlafen ist. Der Bus ist in die Leitplanke geknallt und für ungefähr 5 Meter nur auf zwei Reifen gefahren. Die Vordertür ist abgerissen und die Frontscheibe ist komplett ruiniert. Ich danke Gott dafür, dass keinem etwas passiert ist. Glücklicherweise saß ich im Bus von Anthrax. Wir mussten unsere Show gestern in Dänemark absagen und einen Tag in Hannover auf unseren Ersatzbus warten. Es war also alles auf die letzte Minute und wir haben nur unsere Sachen in den Bus geworfen um uns auf den Weg nach Hamburg zu machen.

WF: Nachdem Fozzy als Coverband angefangen hat, spielt ihr mittlerweile eure eigenen Songs. Wie siehst du anderweitig die bisherige Weiterentwicklung der Band.

Chris: Also ob ihr es glaubt oder nicht, wir haben die Band 1999 gegründet, das ist so verrückt darüber nachzudenken, dass es mittlerweile 12 Jahre her ist. Wir haben als Coverband angefangen und wurden von Megaforce Records unter Vertrag genommen. Megaforce hat 1993 auch Metallica unter Vertrag genommen, Anthrax auch. Uns haben sie als Coverband einen Vertag angeboten, was ein bisschen ungewöhnlich, fast schon kurios ist, aber wir haben gesagt „Okay, wir machens“. Wenn du anfängst Musik zu machen willst du irgendwann deine eigenen Songs spielen. Also haben wir gesagt, dass Covers zwar lustig sind, aber wir anfangen sollten unser eigenes Zeug aufzunehmen. Nachdem wir 2010 „Chasing the Grail“ veröffentlicht haben, hat es so fantastische Reaktionen gegeben. Seitdem sind wir durch 13 Länder getourt und touren immer noch mit „Chasing the Grail“ und immer wieder erschließen sich neue Märkte für uns. Es ist großartig zu sehen, wie diese Band sich entwickelt. Wir haben auf dem Sonisphere in England gespielt, touren mit Anthrax und jetzt sind wir gerade dabei in Deutschland Fuß zu fassen. Wir haben dieses Jahr auf dem RockHarz und dem Reload Festival in Ballenstedt gespielt. Wir haben weltweit eine so große Fanbasis, dass es so scheint als würden sich immer mehr Länder für uns erschließen. In Deutschland sehe ich großes Potential, so dass wir häufiger hier her kommen werden um unsere Fanbase weiter aufzubauen. Wir wollen die Welt übernehmen, ein Land nach dem anderen.

WF: Gibt es schon Pläne für eine neue CD oder eine DVD Veröffentlichung?

Chris: Jetzt gerade haben wir eine neue CD – „Remains Alive“, raus gebracht. Sie ist eine Kombination aus einem Livealbum, welches wir vor einigen Jahren aufgenommen haben und einer Neuveröffentlichung von „Chasing the Grail“. Das ist eine großartige Möglichkeit den Fans die Zeit zwischen zwei Alben zu versüßen oder für die, die „Chasing the Grail“ oder was wir sonst so machen noch nicht gehört haben. Es ist so als wenn du sagst „Du willst was über Fozzy erfahren? – hier hast du es, unsere komplette Karriere“. Für das neue Album sind alle Texte schon geschrieben und jetzt hat Rich Ward gerade angefangen an den Riffs und der Musik zu arbeiten. Ich denke im August oder September werden wir ins Studio gehen und ich hoffe wir haben Anfang nächstes Jahr etwas fertig. Jericho_2011

WF: Wir haben das Gerücht gehört, dass Fozzy im November wieder durch Europa tourt. Werdet ihr auch in Deutschland spielen und dieses Mal evtl. die ganze Tour headlinen?

Chris: Normalerweise machen wir das. Aber diese Tour war anders, denn wenn man auf Festivals spielt muss man die anderen Shows so nehmen wie sie kommen. Die ersten 4 Shows haben wir geheadlined und seitdem nicht mehr, weil wir mit Anthrax unterwegs waren oder auf Festivals gespielt haben, die für uns auch sehr wichtig sind. Die Festivals helfen uns dabei uns beispielsweise in Deutschland oder der Schweiz zu etablieren, was wir vorher noch nicht geschafft haben, so können uns neue Fans sehen. Und es funktioniert – wir hatten ein Konzert mit Ill Nino in Düsseldorf und als wir fertig gespielt hatten und Ill Nino angekündigt haben, haben die Leute angefangen zu buhen. Um ehrlich zu sein, war das die beste Show der Tour, das ist einfach großartig und genau so musst du es machen. Die Leute hören lassen was du machst, ihnen die Show zeigen und so eine Fanbase bilden. Wir wollen schnell wieder nach Deutschland zurückkommen, ihr wisst schon, um uns weiter in die Köpfe hinein zu hämmern.

WF: Wenn wir gerade über die Band sprechen, was inspiriert euch? Andere Bands, Musikrichtungen, persönliche Erfahrungen?

Chris: Ich liebe die Beatles, sie sind meine absolute Lieblingsband. Und Rich liebt die Bands der 70´er, wie z.B. Journey und Stixx. Fozzy hat viel Melodie, was viele andere Metalbands nicht haben. Natürlich noch Metallica, meine zweite Lieblingsband und Iron Maiden, meine Dritte. Ich liebe sogar Helloween, eine Band aus Hamburg die zu meinen Lieblingsbands gehört. Ich liebe die Stimme von Michael Kiske.
Wir vereinen bei uns also eine sehr harte Seite mit viel Melodie. Und ich denke dass das momentan nicht viele Bands machen. Sie haben ziemlich harsche Stimmen – wir haben das nicht. Das ist einer der Gründe warum wir denken, dass wir uns eine große Fanbase aufbauen können, weil wir uns ein bisschen von dem was sonst so abgeht unterscheiden.

WF: Wo wir gerade beim Thema Musik sind, gibt es einen Song den du den ganzen Tag hören könntest und welches ist deine Lieblingssong von dir selber?

Chris: Wenn ich heiß werden will, wenn ich mich pushen will höre ich „Battery“ von Metallica. Das ist der Song der mich jedes Mal pusht, wenn ich ihn höre. Ich bin ein großer Fan von Cliff Burton, ich liebe die Baselines, dass ist der Song, den ich wirklich liebe. Und von unseren eigenen Tracks liebe ich es „Paraskavedakatriaphobia – Friday the 13th“, ein guter Song. Das ist wahrscheinlich mein Lieblingssong um ihn live zu performen, das macht jedes Mal Spaß. „God pounds his Nails“ macht auch immer Spaß. Was ich live auch jedes Mal liebe ist „Enemy“ vom Album „All that Remains“ – das sind ein paar Songs an denen ich immer Spaß habe. „Under Blackend Skies“ ist auch noch einer.

WF: Du warst ein paar Mal in Hamburg. Vor 6 Jahren habt ihr auch hier im Logo schon mal gespielt. Außerdem hast du wegen deiner Wrestlingkarriere, für einige Wochen hier gelebt. Gibt es ein paar Erinnerungen, ob gut oder schlecht, die du mit uns teilen möchtest?

Chris: Ja, 1993 bin ich nach Hamburg gekommen und habe hier 6 Wochen gewohnt. Ich wohnte im Hotel „Rheinland“, direkt an der Reeperbahn. Existiert es noch? Da war ein Mc Donald´s, ein Stripclub und die Docks – das Dreieck der schlechten Nachrichten. Also ernsthaft, ich war 22 Jahre alt und es war einfach verblüffend das erste Mal in Europa zu sein und es gab so viele große Shows die ich zu sehen bekam. Ich habe Gamma Ray, Accept, Manowar, Saxon, Green Jelly, Morbid Angel gesehen – es war so als würde jede Woche jemand vorbei kommen. Das wird immer eine großartige Erinnerung meines Lebens sein und ja, wir sind voller Erwartungen heute im Logo zu spielen. Als wir heute hier angekommen sind habe ich mich an diesen Ort erinnert, aber ich erinnere mich nicht mehr an die Show. Ich bin aufgeregt vor heute Abend und es ist lustig, weil wir lieben es zu spielen. Einige Shows sind kleiner, andere größer – Das heute ist eine der kleineren Shows, aber das ist in Ordnung, denn es ist sehr intim, das macht Spaß, wir werden eine gute Zeit haben.

WF: Gibt es ein deutsches Wort was dir in den Kopf kommt, wenn du an diese Erinnerungen denkst?

Chris: Ich erinnere mich an „Su-ga-be“, das bedeutet so viel wie „Wir wollen mehr“ oder irgendwie so etwas. Und warum ich mich daran erinnere ist – Das wurde ein paar Mal bei einem Wrestlingmatch gerufen. Ich glaube es war jetzt beim Reload Festival, die Leute haben es wieder gerufen „Su-ga-be, Su-ga-be“ und ich hab gedacht „Hey das kennst du, das ist cool. Die wollen mehr“.
Außerdem kann ich auf deutsch immer noch bis 10 zählen.
(Anmerkung: Chris meinte das Wort “Zugabe” und beim zweiten Versuch auf Deutsch bis 10 zu zählen, hat es auch geklappt)

WF: Du hattest eine Menge verschiedener Projekte in der Vergangenheit. Du hast Filme gedreht, eine Gameshow moderiert sogar Theater gespielt. Als letztes warst du ein Teil von Dancing with the Stars, bist du mit der Platzierung die du erreicht hast zufrieden? Stehen in nächster Zeit noch weitere Projekte dieser Art an?

Chris: Ich habe die Zeit bei Dancing with the Stars wirklich genossen weil ich vorher noch nie getanzt habe. Ich wusste nur das ich ein Athlet bin, dass ich ein Musiker bin der gute Musik macht und das ich weiß wie ich eine Verbindung zu den Fans aufbauen kann.
Das Training war hart, sehr sehr hart aber ich hatte Spaß. Ich war sieben Wochen dabei, vielleicht hätten es ein paar mehr werden können.
Alles in allem habe ich es genossen. Es war großartig für mich und großartig um neue Fans zu gewinnen. Leute die keine Ahnung haben von der WWE oder von Fozzy, das ist das Schöne. Es ist immer gut wenn man so was kann. Es sind immer Sachen in Planung aber im Moment liebe ich es mit Fozzy zu arbeiten. Ich möchte so viel wie möglich tun mit der Band und uns vorbereiten auf ein neues Album.

WF: Noch mal kurz zurück zu deiner Zeit in Hamburg, du hast hier gewrestlet für eine kurze Zeit. Natürlich gibt es viele Unterschiede zwischen den europäischen Indyligen und den großen Ligen in Amerika. Gibt es irgendwas das du den Indyligen bevorzugen würdest im Vergleich zur WWE?

Chris: Die Sache die ich an den Indyligen immer mochte ist das es die Zeit war in der ich mich auf dem Weg nach oben befand. Es war ein einziges Abenteuer. Ich war 22 als ich nach Hamburg kam. Ich schrieb einen Brief an den Veranstalter. Es gab noch keine Handys, kein Internet es ist einfach unglaublich wenn man bedenkt das das gerade mal 20 Jahre her ist. Das hört sich jetzt vielleicht blöd an aber es war ein komplett anderer Planet. Es ist lustig ich habe einmal ein Interview mit Gene Simmons gelesen. Dort wurde er gefragt welche Zeit er mit Kiss am meisten mochte und er sagte die Anfangsjahre. Du bist auf dem Weg nach oben, alles ist neu, jedes Erlebnis ist einfach nur fantastisch. Das ist es was ich an meiner Zeit in den Indys immer mochte.
Ich find es fast schade, dass die jüngeren es nicht mehr machen, nicht mehr machen müssen. Ich musste arbeiten um mein Ziel zu erreichen aber so ist es einfach nicht mehr. Heutzutage werden die jungen ins FCW- System eingeschleust und ein, zwei Jahre später kommen sie direkt in die WWE. Ich habe fast 9 Jahre die Welt bereist, für verschiedene Ligen gearbeitet bis ich mein Ziel erreichte. Als ich es erreichte, hatte ich all diese Erfahrungen, auf die ich zurückgreifen konnte um noch besser zu werden. Das ist der Grund warum so schwer ist die Jungen over zu bringen, sie wissen einfach nicht wie sie es machen sollen aber das ist ja nicht nur ihre Schuld. Erfahrung kann man keinem beibringen.

WF: Was hältst du von der jugendfreien Orientierung der WWE im Vergleich vielleicht zur Attitude Aera? Denkst du, dass diese Richtung für das Wrestlingbuisness im Allgemeinen positiv ist?

Chris: Ich hab kein Problem damit. Ich weiß es gibt viele Menschen die versuchen diese Politik schlecht zu machen. Ich denke es ist schlicht und einfach egal. Wenn man ein guter Performer, ein großartiger Performer ist muss man mit allem Regel die einem gegeben werden arbeiten.
Ich hatte nie ein Problem jugendfrei zu sein. Du musst nur aufhören `you dumb asshole`, `shut the hell up` oder was auch immer zu sagen. Man muss ja nicht aufhören Englisch zu reden, man muss einfach intelligenter sein. Anstatt das Publikum `assholes` zu nennen bezeichnet man sie als `parasites` oder `hypocrites`. Wenn man intelligent ist kann man unter jeden Umständen arbeiten.
Die Attitude Aera war großartig aber last uns ehrlich sein, es ist ein großes Buisness. Man muss sich attraktiv machen für verschiedene Sponsoren und verschiedene Märkte, Sachen die helfen mit der Firma mehr Geld zu verdienen. Wenn das bedeutet jugendfrei zu sein, dann ist es halt so. Als Angestellter der WWE muss man mit allen Regeln die dir der Chef auferlegt arbeiten und zwar so, das es funktioniert.
Ich habe nichts dagegen, ich weiß noch nicht mal was jugendfrei bedeutet. In der letzten RAW Sendung hat Vince, Punk als `son of a bitch` bezeichnet also was heißt es eigentlich? Ich hatte nie ein Problem damit und um ehrlich zu sein hab ich auch nie wirklich darüber nachgedacht.

WF: Wo wir gerade über deine Wrestlingkarriere sprechen, was war dein Lieblingsmatch und gibt es einen Gegner gegen du schon immer einmal in den Ring steigen wolltest?

Chris: Shawn Michaels war mein Lieblingsgegner, wahrscheinlich ist es sogar eins meiner Lieblingsmatches, Wrestlemania 19. Der PPV, das Leitermatch um den Worldtitle, die ganze Geschichte war einfach unglaublich sie ging fast über sieben Monate. Ich liebte es mit Mysterio zu arbeiten, mit The Rock oder mit Cena. Es gibt eine Menge gute Worker.
Ich hatte leider nie die Möglichkeit mit Bret oder Owen Hart zu arbeiten, beides aus verschiedenen Gründen. Ich bin mir aber sicher, dass es fantastische Matches geworden wären. Abgesehen davon konnte ich aber mit jedem arbeiten mit dem ich arbeiten wollte.

WF: Kommen wir jetzt zu dem Thema der letzten Wochen, CM Punk. Was denkst du über seine aktuelle Situation und vor allem über seine Aussagen?

Chris: Es ist offensichtlich das, dass Teil der Story ist. Wird sind Schauspieler, dass müsst ihr verstehen. Das brilliante daran ist das nicht weiss wie viel davon wahr ist und wie viel ist nur Show. Das letzte woran ich mich erinnern kann wo das funktionierte war die Jericho vs Shawn Michaels Storyline. Die wo ich seine Frau hasste und all das. Die Fans wussten es war was anderes als nur in einem Wrestlingring zu stehen vor Publikum. Das ist gerade das geniale an der Punk, Vince, Cena Storyline. Man weiß einfach nicht was ist wahr und was nicht.
Das ist das großartige an der WWE, das großartige an Vince Mc Mahon. Er lernt von Dingen und entscheidet sich für einen Weg der wird dann aber auch gegangen.

WF: Das ist jetzt auch schon die letzte Frage und ich denke das du weißt was jetzt kommen wird. Gibt es ein Chance das dich deine Fans bald wieder in einem Wrestlingring sehen werden?

Chris: Es gibt immer eine Chance. Ich denke immer die Leute sind böse auf mich wenn ich sage das ich keine Pläne habe zurück zu kehren. Ich weiß es nicht. Im Moment genieße ich die Zeit mit Fozzy. Was viele nicht verstehen oder einfach nicht wissen ist das Musik mache seit dem ich 12 Jahre alt bin. Ich war Musiker lange bevor ich Wrestler war. Ich hatte immer zwei Träume in meinem Leben, einer war es in einer Rockband zu spielen der andere ein Wrestler zu werden. Der mit dem Wrestling ist als erster wahr geworden, aber trotzdem habe ich immer weiter gespielt, Demos aufgenommen, Musik gemacht. Jetzt wo es mit Fozzy so gut läuft, wir solche Reaktionen bekommen bin ich wirklich glücklich.
Ich hab nicht nur einen Traum der wahr geworden ist, nein gleich zwei. Ich wäre verrückt nicht alles für die Band zu tun was ich tun kann und sie so weit zu bringen wie es nur geht. Besonders wenn den Leuten die Musik gefällt, wir sind großartig live. Wir hatten noch nie eine Show wo das Publikum uns nicht mochte. Wir haben vor ACDC, Guardians, Slayer oder Maiden gespielt. Dem härtesten Publikum in der Welt und ich wette darauf dass die Menge reagiert auf das was wir machen. Wir verstehen das.
Ich weiß wirklich nicht ob ich zurückkehren werde, vielleicht aber so lange bin ich glücklich mit dem was ich tue.

WF: Ok, danke das du dir für uns Zeit genommen hast.

Chris: Ich danke Euch

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