Rene Lasartesse im WrestlingFever.de Interview (12.04.2012)

Rene Lasartesse – Der „König des Catch“ stand fast 4 Jahrzehnte aktiv im Ring und soll mehr als 4000 Kämpfe bestritten haben. Er war DER Superstar über viele Jahre, flog mit seinem Privatjet zu seinen Kämpfen und wurde von den Fans gehasst. Einer schlug ihm sogar mit dem Stuhl viele seiner Zähne aus. Wir freuen uns, den heute 84 Jährigen für dieses geschichtsträchtige Exklusivinterview gewonnen zu haben.

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WF: Zuerst möchte ich Ihnen für die Interview Zusage danken. Sicherlich sind Sie in ihrem Leben viele meiner Fragen hunderte mal gefragt worden, dennoch versuche ich aus diesem Interview etwas besonderes zu machen. Ich hoffe, Ihnen geht es gut?

RL: Es geht mir so gut wie es einem mit 84 geht, wie sie wissen habe ich vor 10 Jahren bei einem Motorrad Unfall ein Bein verloren. Dank Disziplin und Training habe ich sehr schnell gelernt mit der Prothese umzugehen. Also ich will mich nicht beklagen, anderen geht es schlechter als mir.

WF: Haben Sie sonst körperliche Schwierigkeiten die auf ihre Karriere zurück zu führen sind?!

RL: Ich hatte das große Glück keine ernsthaften Verletzungen zu haben, allerdings sind wir auch härter im nehmen. Mit den Knieverletzungen, Rückenproblemen weil die Wirbel kaputt sind und auch die Ohrendeformationen würde jeder andere Normalverbraucher aufhören zu arbeiten.

Man merkt die Probleme erst im Alter so richtig, wenn ich zum Arzt gehe läuft das ganze Spital zusammen und staunt über meine Röntgenbilder.

Im Ring verdrängt man die Schmerzen und auch hinterher verarztet man sich so gut es geht selbst. Aussetzen geht nicht, dann gibt es keine Gage und man ist bald als Weichei verpönt. Allerdings kannte ich keinen den man so nennen konnte.

WF: Zu ihrer Zeit nannte man das heutige Wrestling noch „Catch as Catch Can“, man sagt ihnen nach tausende Kämpfe bestritten zu haben. Ich nehme an, sie haben nicht Buch geführt?

RL: Nach über 40 Jahren im Berufsringsport, Catchen oder Wrestling (es sind nur die Namen welche geändert wurden) habe ich wohl über 4000 Kämpfe bestritten.

WF: Sie waren der „Finsterling“ ein eher böser Zeitgenosse der als großer Franzose berühmt wurde. Eigentlich sind Sie doch Basler, richtig?

RL: Ja das stimmt, da mein richtiger Name nicht attraktiv für den Ringkampf war. Außerdem gab es damals schon einen Schweizer (bei der Truppe wo ich angefangen hatte) aber keinen Franzosen. Ich bin französischsprachig aufgewachsen und kam aus dem Schweizer Jura, also dem französischem Part der Schweiz, das passte gut.

WF: Wie viele Sprachen sprechen Sie?

RL: Ich spreche natürlich französisch, meine Muttersprache, englisch ein wenig spanisch, in den Garderoben mussten wir mit allen klar kommen und es gab eigentlich keine Verständigungsprobleme.

WF: Sie wurden als „König der Catcher“ bezeichnet. Bitte erzählen Sie uns, warum Sie sich dazu entschieden hatten, Catcher zu werden?

RL: Als Catcherkönig fängt man nicht an, dass muss man sich erarbeiten und trotzdem schaffen es die wenigsten. Ich habe schon als 18 jähriger mit Körperkultur (so nannte man damals Bodybuilding) angefangen und kam vom Amateurboxen zum Ringen. Kampfsport hat mich fasziniert und als eine Truppe Catcher nach Basel kam, habe ich mich bei ihnen gemeldet.

Man hatte es damals sehr schwer, musste klein anfangen und sich einen Namen erarbeiten. Erst nachdem ich aus Amerika zurückkam, war ich wer. Wenn man es dann geschafft hat muss man sehen dass man oben bleibt. Man wird vom Veranstalter gebucht wenn man gut ist, das Publikum anzieht und volle Häuser bringt – ich denke dass ich das sehr gut geschafft habe.
Nach Amerika kam ich auch weil man auf mich aufmerksam wurde und dort konnte ich sehr viel lernen.

WF: Wie war es in Amerika, wie wurden Sie angenommen?

RL: Die USA war damals 1957 wirklich noch die neue Welt, es war eine Riesen Chance für mich. Nach einem sehr langen Flug mit 2 Zwischenlandungen wurde ich in New York vom Manager erwartet. Ich hatte schwarze Haare und er schickte mich sofort zum Haare färben, denn ich sollte als Deutscher dort arbeiten. So wurde ich blond gefärbt und hieß dort „Ludwig von Krupp“. Widerrede gab es nicht, ich hatte eine große Chance und wollte sie auch nutzen.

Die Kollegen dort waren eher zurückhaltend, eigentlich war es wie überall. Es gibt nicht viele Freundschaften unter den Ringern. Man sieht sich für einige Zeit bei Turnieren oder einmal bei Matchkämpfen und dann vergeht etliche Zeit bis man sich wieder sieht. So war es auch in Amerika. Ich war 2 Jahre dort und hatte dann schon einige Kontakte.

Ich selber bin auch kein sehr anhänglicher Typ, mehr der Einzelgänger und habe Freundschaften nicht gesucht.
Die Veranstalter haben uns sehr streng Weisungen gegeben und es war besser man tat was sie wollten .z b war es für uns streng verboten die Kämpfe anzusehen, wir sollten in der Garderobe bleiben, ich tat es trotzdem und musste zur Kommission, worauf ich 5 Wochen Sperre bekam. Das bedeutete 5 Wochen keine Gage. Ob es heute noch so ist, weiß ich nicht.

WF: Früher musste man sicherlich sehr hart trainieren, vielleicht sogar härter als heute. Ist der Sport heute noch attraktiv für Sie, bleiben Sie beim Wrestling hängen, wenn Sie beim umschalten des TV Gerätes hängen bleiben?

RL: Ich schaue gerne im TV Wrestling, suche es nicht gezielt. Die Kämpfe sind härter als in Europa und ich bin erstaunt über die Akrobatik, die Bodys. Es steckt sehr viel Training dahinter auch wenn mit Anabolika usw. geholfen wird, so geht es ohne Arbeit doch nicht.
Vergleichen kann man schlecht, drüben haben sie andere Möglichkeiten, TV, Sponsoren und die masse an Publikum ist in Europa nicht zu erreichen.

WF: Gibt es in den aktuellen Wrestling Sendungen Namen oder Talente, die Ihnen in Erinnerung geblieben sind?

RL: Da ist vielleicht the Rock. Ich habe mit seinem Großvater Peter Maivia gerungen, sogar in Europa. Vor allem aber Andre the Giant. Ich habe seine Anfänge in Frankreich miterlebt und wir waren am meisten auf dem Programm.

Ich hatte ja in Frankreich nicht viele Gegner in meiner Größe und Gewichtsklasse. Er war ein toller Kollege und wir sind oft mit meinem Flugzeug zu den Kämpfen geflogen. den sitz musste ich für ihn immer entfernen, er war schon damals enorm groß. Als er nach Kanada ging war klar, dass er dort bleibt und Karriere macht. wir haben uns dann erst wieder bei einer Tournee in Deutschland wieder gesehen.

Einige Wrestler die bei Otto Wanz in Graz waren, konnte ich dann auch im TV weiterverfolgen, allerdings kam ich bald mit den Namen und Identität-Änderungen nicht mehr mit, z.B.: Brutus Beefcake. Mit Larry Henning und Baron von Raschke haben wir sehr kurze Zeit auf dem Campingplatz in Graz verbracht. Dann ist da auch Chris Jericho welcher seine Anfänge in Hamburg hatte und jetzt Champion ist. Ich erkenne die meisten nur wenn alte Wrestlemania Sendungen kommen, bei den neuen bin ich nicht so up to date.

WF: Haben Sie spezielle Erinnerungen an Chris Jericho?

RL: Er kam sehr jung nach Hamburg, war ein Anfänger, ist sonst nicht groß aufgefallen, toll was er aus sich gemacht hat, sehr beliebt bei den Frauen.

WF: Jericho schrieb in seinem Buch auch über Sie. So kam Chris in Deutschland an und hatten Sie vergessen, ihn am Flughafen abzuholen und auch ihm ein Zimmer zu buchen. (Chris stand perplex im Lokal und ihm wurde immer wieder mitgeteilt, dass es kein Zimmer für ihn gäbe…). Als Chris Sie schließlich getroffen hatte, hatten Sie ihm wohl gleich zu Beginn gesagt, dass er auf dem zugesandten Promotion Foto besser aussehen würde. Haben Sie Erinnerungen dran, ahnten Sie damals, dass er ein ganz großer werden könnte?

RL: Ich erinnere mich nur an einen Jericho sehr schmal und blass, normalerweise merkt man schnell ob aus einem ein großer wird. Bei ihm war ich positiv überrascht es gibt eben immer wieder Ausnahmen, so wurden auch viele hochgejubelt und sind schnell verschwunden. An die Episode mit Chris Jericho und seiner Ankunft in HH kann ich mich nicht erinnern, es war auch eher ungewöhnlich den Ringern ein Hotel zu besorgen, denn das hat jeder selber gemacht und das abholen vom Flugplatz war auch nicht üblich.

WF: Haben Sie noch die ein oder andere Geschichte mit und um Andre the Giant?

RL: In Frankreich haben wir oft im Sommer auf einem See oder Schwimmbad gerungen, der Ring war speziell dafür gebaut und schwankte natürlich. Wir wurden mit einem kleinen Boot zum Ring gerudert und Andre erzählte mir, dass er nicht schwimmen konnte. Ich habe das nicht geglaubt und der größte Spaß für das Publikum war natürlich, wenn der Gegner ins Wasser fiel.

Also flog Andre raus, nach einigen Sekunden merkte ich an seinem Gesichtsausdruck wie ernst es war und ließ unauffällig die Ordner Andre aus dem Wasser ziehen. Er war einige Tage wirklich beleidigt. Er war in Frankreich „everybodys Darling“ und jeder konnte ihn berühren, ich habe ihm oft gesagt dass es nicht gut ist. Als er aus Kanada zurückkam, war er komplett anders und ließ sich auch nicht mehr so mit den Leuten ein. Er wurde dort wirklich zum Star. Er kam nach vielen Jahren Amerika zur Beerdigung seines Vaters nach Paris, dort verstarb er einige Tage danach. Sicher hatte er viel Erfolg und Ruhm, ich glaube aber nicht dass er wirklich glücklich war.

WF: Gab es denn für Sie im Laufe der ganzen Jahre keine wirklichen Freunde?

RL: Wenn man oben ist hat man auch sehr viele Neider, wir waren eine gemischte Gruppe von Nationalitäten und auch Charakteren, einige waren einem näher und andere weniger. Richtige Freundschaften entstanden da nicht, die habe ich privat zu Genüge.

WF: Man erzählt sich, dass sie sehr gut gelebt haben, mit dem eigenen Jet zu den Kämpfen reisten. Dies ist heute kaum vorstellbar da die ganz großen Stars in den Staaten einen Bus/Privatjet von der Firma gesponsert bekommen?!

RL: Ich komme aus einfachen Verhältnissen, mein Vater war Zöllner und ist früh gestorben, ich musste meine Mutter und 2 Schwestern unterstützen. Die Anfänge beim Ringen waren hart und wir lebten bescheiden. es wurde damals kollektiv gearbeitet, das hieß alle Unkosten wie Werbung, Halle usw. wurde von den Einnahmen bezahlt. Der Rest wurde als Gage unter den Ringern aufgeteilt. Wir wohnten aber auch zu der Zeit für 3 Mark, haben auch nur 10 verdient. Als die Zeiten und Einnahmen besser wurden, haben die Veranstalter natürlich kein kollektiv mehr gemacht, es wurden Gagen bezahlt. wenn man gut war und wenn man das Publikum anzog, bekam man mehr als andere.
Mein Privatjet war eine Moran Maschine mit 4 Sitzen, einmotorig und natürlich damals eine Sensation. Ich hatte sehr viel Arbeit in Frankreich, oft nachmittags z.B.: in Perpignan und abends in Marseille. So war es einfacher für mich die Termine wahrzunehmen. die Publicity war natürlich sensationell. Nochmals zu den Gagen, welche ich bekommen habe und den Kollegen. Ich habe den Veranstaltern immer volle Häuser und Hallen gebracht, das Publikum kam um mich zu sehen, also musste man mich auch gut bezahlen, logisch konnte ich die Hallen nicht allein füllen und brauchte Gegner. Ich habe mich immer gut verkauft und das ist jedem offen gestanden, es hat nur nicht jeder geschafft. Das führte zu Neid beispielsweise in Bremen lief unter Selenkowitsch das Turnier sehr schlecht, man holte mich als Zugpferd und es war eisige Stimmung in der Garderobe bei meiner Ankunft. Zwei Tage später war die Halle voll, nun ist es nicht nur der Name der zählt sondern harte Arbeit.

In unserem Beruf heute wie früher wusste man nie wann Schluss ist, sei es durch Verletzungen oder keine Veranstaltungen, also sollte man sich ein Polster schaffen. Ich hatte das große Glück lückenlos zu arbeiten, nie Aussetzer durch Verletzungen zu haben, habe meine Gagen nicht versoffen, verspielt oder sonst wie verschwendet, wie viele Kollegen. Dadurch musste ich auch nie als Türsteher, Kneipier oder sonst wie meine Lücken füllen. Ich habe immer nur vom Ringkampf gelebt, das war zu der Zeit noch möglich, sicher ist es heute schwieriger.

WF: Wenn Sie mal Gäste mit an Board ihres Flugzeuges nahmen, durften diese kostenfrei mitfliegen?

RL: Wenn ich Freunde oder Kollegen mitnahm und Rundflüge machte, so mussten diese selbstverständlich nicht zahlen, die Reisen zu den Veranstaltungen wurden vom Veranstalter bezahlt und wenn Kollegen mitkamen, so wurde dies auch vom Veranstalter. Bezahltes war damals sehr günstig, das Benzin war zollfrei und kam dem Veranstalter billiger als Bahn oder Autospesen. Ich musste aber auch für das Flugzeug Unterhalt zahlen und so war es nur normal.

WF: Sie haben Otto Wanz erwähnt, wie wichtig war dieser Mann für ihre Karriere wirklich?

RL: Otto Wanz war gar nicht wichtig, er kam zum Business als ich schon auf dem Höhepunkt war. Er hat als Veranstalter Arbeit gegeben, das war es.

WF: Viele ehem. Catcher denken nicht allzu gut über „Big Otto“, wie steht es mit Ihnen?

RL: Ich kann nichts Negatives sagen, er war zu mir korrekt und was die anderen haben ist ihr Problem.

WF: Sie haben nach Ihren Angaben geschätzte 40.000 Kämpfe bestritten. Gibt es für Sie Kollegen, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

RL: Es gab Kollegen mit denen man lieber und weniger gern gearbeitet hat, man musste sie aber alle akzeptieren. Sehr gern habe ich mit Franz van Buyten, Andre Ferre und den meisten Engländern gekämpft. Auch in Frankreich waren wir eine gute Truppe mit Andre Bollet, Roger Delaporte, Robert Duranton. Wir haben viele Reisen auch mit dem Auto gemacht und hatten dadurch mehr Kontakt wenn wir zu 4. im Wagen saßen.

WF: Haben Sie evtl. auch so was wie eine Lieblingsfehde oder sogar einen ganz bestimmten Kampf?

RL: Die Kettenkämpfe in Hamburg waren sehr gefährliche und schwierige Kämpfe.

WF: Wie wichtig waren Ihnen Pokale und Gürtel in all diesen Jahren denn wirklich?

RL: Ich habe viele Pokale bekommen und war nie derjenige, welcher sie aufgestellt hat, 2 habe ich behalten, da habe ich gute Erinnerungen an die Stifter und die sind auch schön, was nicht alle waren.

Ansonsten sind welche im Keller und bei der Verwandtschaft untergebracht. Es hat mich nie groß interessiert und auch daheim findet man keine Fotos von mir aus der aktiven Zeit. Wir haben eine tolle Collage mit Stationen meines Ringerlebens, die von guten Freunden geschenkt wurde aufgehängt – das ist alles.

WF: Wie viele Kämpfe haben Sie so in der Woche bestritten?

RL: In Frankreich gab es Matchkämpfe, jeden Tag woanders, da waren es schon oft 8-9 in der Woche. bei Turnieren 7 Tage. Ich hatte selten frei, war immer auf dem Programm.

WF: Verzeihen Sie diese sehr direkte Frage: Wie gut haben Sie zu Bestzeiten im Schnitt verdient? Ich bin mir sicher, dass man sich das heute nicht mehr vorstellen kann?

RL: Zu meinen Anfangszeiten gab es sehr wenig Gage und nachher war es unterschiedlich. Mal weniger und mal mehr z.B.: in den USA, wo man an den Einnahmen beteiligt war. Weniger gab es, wenn man keinen Hauptkampf hatte. Ich habe mich immer gut verkauft, habe immer bekommen was ich wollte und das war viel. Im Gegensatz zu dem was die Amis heute verdienen waren es trotzdem Peanuts.
Mein Leben lang habe ich nur vom Ringen gelebt und durch meine Achtsamkeit dem Geld gegenüber (manche nennen es Geiz) kann ich auch meinen Lebensabend gut verbringen. Ich habe zu viele Ringer in Erinnerung, welche alt, kaputt waren und nichts hatten.

WF: Als aktiver Ringer waren Sie sehr bekannt, gab es „besondere“ Vergünstigungen?

RL: Vergünstigungen irgendwelcher Art waren nicht üblich, es gab manchmal Prämien von Zuschauern, Einladungen in Restaurants habe ich abgelehnt, ich mochte nicht wenn mir die Leute zu nah kamen nur weil sie ein Essen oder Bier spendiert hatten.

WF: Sicherlich lagen Ihnen die Frauen zu Füßen, oder waren Sie auch außerhalb des Rings auch eher „gefürchtet“?

RL: Natürlich hatten alle Ringer auch Fans bei den weiblichen Zuschauern, ich hatte keine Probleme Frauen zu bekommen. Wenn man lang unterwegs ist, ist es sehr schwer zu widerstehen.
In meiner 2. Ehe habe ich meine Familie immer bei mir gehabt und wollte nicht riskieren alles zu verlieren, irgendwann wird man auch ruhiger.

WF: Gab es für Sie auch einmal die Situation, dass sich Zuschauer mit Ihnen messen wollten?

Die schlimmsten Situationen ergaben sich in Frankreich. Einmal habe ich von einem Zuschauer von hinten einen Gartenstuhl über den Kopf bekommen und habe den Fehler gemacht mich umzudrehen, dadurch kam auch schon der 2. Hieb und alle Zähne waren kaputt. das Problem ist dann wenn man sich wehrt, denn wenn es hart kommt dann sind wir Ringer die Dummen, weil wir unsere Stärke wie eine Waffe einsetzen würden (so die Gesetze). Ich habe allerdings auch aus dem Grund Kneipen oder andere Orte gemieden weil dort solche Situationen entstehen konnten.

WF: Wie ging die Sache für den Fan aus, der Ihnen die Zähne aus schlug? Wie haben Sie reagiert?

RL: Ich musste mich natürlich wehren. ihm wurde der Unterkiefer gebrochen, es hat mich sehr viel Geld gekostet. wenn wir uns nicht wehren heißt es: „Ha habt ihr gesehen, das ist ja alles Show der tut ja nix!“…und die normale Reaktion ist uns nicht erlaubt, also geht man besser solchen Konflikten aus dem Weg. aber der Weg vom Ring zur Garderobe ist schon gefährlich.

WF: Gibt es für Sie besondere Orte oder Länder die Sie heute noch gerne bereisen?

RL: Gearbeitet habe ich überall gern, mit der Zeit schätzt man die Länder und Veranstalter welche seriös sind. Die Zuschauer sind überall anders und man stellt sich darauf ein. Privat sind wir etliche male nach Australien gereist denn das Land hat mich fasziniert, auch Südafrika wo ich gearbeitet habe hat mir gut gefallen.

WF: Sie haben auch Franz Schuhmann trainiert, der zu den Besten Technikern der CWA zählte. Welche Erinnerungen haben Sie an Franzl?!

RL: Er kam in Linz zu mir, wurde von mir trainiert und nach Hamburg geholt. man betreut Kollegen eine Weile und dann gehen sie ihren eigenen Weg, das ist normal. Wenn sie Erfolg haben freut man sich und wenn sie sich melden auch, aber ich erwarte es nicht, ich war genauso.

WF: Steht man denn heute noch mit Kollegen von früher in Kontakt?

RL: Hier in der Schweiz ist niemand in der Nähe mit dem ich Kontakt hätte. Telefonisch melden sich Jörg Chenok, Axel Dieter und Peter Williams. Diese sind jene, die am meisten anrufen. Bei Achim Chall waren wir wie schon gesagt öfters in Australien als er noch lebte. Mit Franz van Buyten habe ich per Telefon mit seiner Frau Kontakt, ich rufe regelmäßig an und frage nach. Er ist sehr krank und kann nicht reden, freut sich aber über meine Anrufe. In meinem Alter sind nicht mehr viel übrig, letztes Jahr war ich in Paris bei einer Reunion und auch dort werden die ehem. Gegner immer weniger.
Rene Lasartesse zu Gast bei Oscar Lago

WF: Sie haben fast 4 Jahrzehnte aktiv im Ring gestanden. Welche Veränderungen haben Sie persönlich mitbekommen?

Es sind enorme Veränderungen, heute gibt es per TV und Internet & auch Facebook viel mehr Möglichkeiten zu kommunizieren. Das Publikum wird aber dadurch auch viel anspruchsvoller, das heißt sie wollen nur Stars sehen. Die Kämpfe sind härter, die Wrestler gehen noch mehr Risiko ein als wir früher, die Shows werden immer spektakulärer, nur mit Ringen kommt man heute nicht mehr weit, man muss es gut verpacken wie die Amis es machen. Trotzdem ist der Ringkampf in Deutschland meiner Meinung vorbei, Hut ab vor denen, welche sich große Mühe geben diesen aufrecht zu erhalten und viel Glück.

WF: Einer der heute ausbildet und veranstaltet ist auch ein ehem. Schüler von Ihnen: Karsten Kretschmer. Haben Sie mal seine Schule oder eine seiner Shows besucht? Welche Erinnerungen haben sie speziell an Karsten?

RL: Bei Karsten war ich vor einigen Jahren als Ehrengast eingeladen. Er schickt mir regelmäßig Einladungen, nur ist Norddeutschland nicht gerade um die Ecke, wir sind einige male im Jahr in HH um Sven Hansen zu besuchen, aber die Termine sind nicht immer gleich. Hochachtung vor Karsten in den schwierigen Zeiten zu veranstalten, ich wünsche ihm viel Glück, er hat es verdient. Die Show damals bei Karsten hat mir gefallen, die Musik vorher und dazwischen fand ich zu lang. Ich bin der Meinung entweder Catch oder Konzert, vielleicht bin ich nicht mehr „up to date“.

WF: Haben Sie nach ihrer aktiven Karriere einmal eine Show in Deutschland besucht?

RL: In Zürich wurde ich von den Amis auch eingeladen und war dort. Tolle Show und gute Stimmung, allerdings war das Publikum im durchschnitt 14 Jahre alt.

WF: Gab es für Sie persönlich einmal eine Situation, wo sie gebeten wurden etwas zu tun, es aber abgelehnt haben bzw. würde es so etwas für Sie geben?

RL: Es gibt immer Situationen bei denen man sich überlegt ob man es tut, im Beruf z.B.: habe ich es immer abgelehnt Fußball zu spielen (für Werbezwecke oder ähnliches).

A: Mag ich und kann ich nicht spielen.

B: Die Verletzungsgefahr bei einem ungeübten Sport ist groß und wäre ärgerlich. Außerdem passte es auch nicht zu mir und meinem Charakter im Ring.

WF: Ich habe bemerkt, dass ich es hier nicht nur mit einem sehr großen, sondern auch außergewöhnlichen Mann zu tun habe. Sie sind 84 Jahre und kommunizieren mit mir über das Internet, sicherlich gibt es nicht viele Menschen in Ihrem Alter, die damit umgehen können. Wie kommen Sie damit zurecht?

RL: Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich mit dem Internet auf Kriegsfuss stehe, ich bemühe mich aber damit die Antworten schneller kommen, diktiere ich sie meiner Frau Angela. Mich fasziniert das Internet, es ist alles neu und muss gelernt werden.

WF: Treiben Sie heute noch „Sport“ im Rahmen Ihrer Möglichkeiten?

RL: Leider ist das nicht möglich, ich war bis vor kurzem im Fitnessstudio, aber es ist mühsam. Ich werde diesen Frühling wieder anfangen mit Bogenschiessen, darin war ich sehr gut, es wird nur schwierig die Pfeile zu holen, das laufen fällt mir schwer.

WF: Welche Erinnerungen haben Sie an Klaus Wallas, evtl. auch an die Kämpfe gegen ihn?!

RL: Wallas war ein guter Kämpfer und auch sehr präsent. Das Problem bei vielen jungen Talenten ist, dass sie zu schnell viel Geld verdienen wollen und wenn das nicht klappt, geben sie auf. Er wäre sicher in Amerika erfolgreich gewesen. Bei meinen viele Kämpfen kann ich mich nicht mehr erinnern, ich habe einige male mit ihm im Ring gestanden und wir haben gute Kämpfe gemacht.

WF: Wie hat sich in den fast vier Jahrzehnten das Umfeld in ihrer aktiven Karriere verändert?

RL: Zu meiner Anfangszeit wurde noch viel im Zelt gerungen, es gab ja nach dem Krieg mehr Plätze welche zentral in der City waren, heute müsste man an die Außenbezirke und es gäbe auch keine Parkmöglichkeiten mehr. Es gab Veranstalter wie Gustl Kaiser der hat nur in Hallen veranstaltet. Die Stimmung war in beiden gut oder schlecht, es waren ja zum Teil auch alte Gebäude, die heutigen sind wohl doch sehr steril und bringen die Atmosphäre nicht so. Damals waren nur wenige im Wohnwagen, vor allem die mit Familie. Das waren vor allem Kostengründe, denn 4-5 Wochen im Hotel sind teuer.

Nach der Geburt unserer Tochter 1971 habe ich das Flugzeug verkauft und einen 7m Wohnwagen gekauft. So konnten wir zusammen bleiben und mit einem Kleinkind, wäre das im Hotel nicht machbar gewesen. Ich erinnere mich noch an die Reaktionen der Kollegen in Hannover, von wegen ein Weltmeister wohnt doch nicht im Wohnwagen usw. Nach etlichen Jahren war in Hannover der Platz voll mit Wohnwagen, und zwar fast niemand mit Familie. Da war ich schon wieder mehr im Hotel unterwegs.

WF: Gibt es etwas, was Sie im Nachhinein evtl. nicht hätten tun sollen, etwas was Sie bereut haben?

RL: Ich will nicht sagen dass ich alles richtig gemacht habe im Berufsleben aber bereuen tun ich nichts, Ich hatte ja Erfolg und einen tollen Beruf, der mich fast überall hinführte und gut ernährte.

WF: Die andere Frage ist natürlich ob es auch etwas gab, woran Sie sich besonders gerne erinnern.

RL: Die Länder die ich bereisen konnte und die Menschen dort mit denen ich Kontakt hatte, sind eine gute Erinnerung und unbezahlbar.

WF: Vermissen Sie heute die Zeit als aktiver Wrestler oder sind Sie froh nun die Ruhe zu genießen, an der Seite ihrer Frau, bzw. nur noch Reisen zu müssen, wenn Ihnen danach ist?

RL: Ich vermisse die zeit sehr, denn ich habe meinen Beruf geliebt, ich bin aber niemand der nur von alten Zeiten redet, das Leben geht weiter und ich genieße es. Es ist der lauf der Zeit, man kann nicht mehr und man gewöhnt sich daran. Ich schaue nach vorne, und hoffe noch weit schauen zu können.

WF: Gab es einen best. Grund, das Sie WrestlingFever.de als erste Wrestling Webseite für ein Interview auswählten bzw. die Zusage erteilten?

RL: Ich hatte bisher noch keinen Kontakt mit Wrestling Webseiten. Ich habe einige Eurer Interviews gelesen und die Fragen haben mir gefallen, ausserdem habe ich gemerkt dass viele Fans im Internet kommunizieren.

WF: Das ehrt uns. Wir wünschen Ihnen und Ihrer Familie alles gute, vor allem Gesundheit. Ich bedanke mich für dieses Exklusivinterview, es war mir eine große Ehre!

RL: Es hat mich gefreut die Fragen zu beantworten, ich kann nur sagen dass ich den für mich besten Beruf hatte, ich hatte Gück erfolgreich zu sein, in der Welt herumzureisen und eigentlich unabhängig zu sein.

Mit Besten Grüßen,

Rene Lasartesse

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